Christoph Giese - virgin-jazz-face

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Redakteure & Bespr.
Cécile McLorin Salvant im domicil Dortmund
 
Cécile McLorin Salvant – Voc.
Aaron Diehl - Piano
Paul Sikivie - Bass
Lawrence Leathers - Drums
 
Da singt sie in Jerry Roll Mortons „I Hate A Man Like You“ mit einer Spur Sarkasmus noch vom Hass zu einem Mann, um direkt im Anschluss ganz gefühlvoll einen Beatles-Klassiker leicht umzutexten: „And I Love Him“.
 
Gelächter im vollbesetzten Jazzclub „domicil“. Cécile McLorin Salvant hat das Publikum mal wieder um den Finger gewickelt. Das gelingt der Amerikanerin, die mit ihren 28 Jahren schon einen Grammy im Regal stehen hat, aber schon mit dem ersten Stück des Abends.
 
Die Sängerin aus Miami singt Jazzstandards, Musik aus längst vergangenen Jahrzehnten. Aber nicht immer unbedingt die, die all ihre Kolleginnen so singen. Zwischendurch gibt es auch mal Unbekannteres von Kurt Weill, etwas aus der West Side Story oder einen humorigen Blues. Und sie macht jedes dieser Stücke, die sie interpretiert, oft mit einem Augenzwinkern, zu ihrem eigenen kleinen Drama, auch wenn ihr Gesang schon an Legenden wie Sarah Vaughan oder Billie Holiday erinnert.
 
Sicher, man muss es schon mögen, wie Cécile McLorin Salvant die Silben der gesungenen Worte oft ewig lang zieht. Und wie sie mit dem breiten Spektrum ihrer klassisch geschulten Stimme spielt. Was an diesem Abend in Dortmund aber mindestens ebenso gut ist wie die Frau am Mikrofon, ist ihr Trio um den Tastenzauberer Aaron Diehl, der vor Einfällen und Überraschungen nur so sprudelt.
 
Auf der gerade erschienenen, live im kultigen New Yorker Jazzclub Village Vanguard aufgenommenen Doppel-CD „Dreams and Daggers“ (Mack Avenue/in-akustik) lassen sich übrigens viele Songs des Dortmunder Konzertes auch daheim erleben.
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Kurt Rade

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Rosani Reis im Consol Theater Gelsenkirchen
 
Eigentlich sollte das Konzert in der Kellerbar stattfinden. Aber beim Consol Theater als auch bei Rosani Reis daheim klingelte auch dem „Ausverkauft“ das Telefon immer weiter. Am Freitagmittag entschied man sich dann, in den glücklicherweise freien Theatersaal oben umzuziehen. Und auch da blieb am Konzertabend dann kein Stuhl mehr frei.
 
Es ist eben ein Heimspiel für die lange schon in Gelsenkirchen lebende Brasilianerin. Und schon der erste Song lässt erahnen, dass dies ein Abend mit besonderer brasilianischer Musik wird. Rosani Reis beginnt ihn mit „Serafina“, einem berührenden Hoffnungssong aus der Feder von Sérgio Pererê. Der kommt wie die Sängerin und fast alle Musiker ihrer Band aus dem küstenlosen Bundesstaat Minas Gerais.
 
Mit „Serafina“ zeigt sich Rosani Reis als Künstlerin mit Tiefgang. Und das bleibt auch das ganze Konzert so, denn die Sängerin macht eine Musik abseits der Klischees von Klängen, die man vom Zuckerhut so kennt.
 
Rosani Reis schält in ihren Stücken über Liebe und Traditionen das afrobrasilianische Erbe von Minas Gerais heraus. Das zeigt sich in herrlich ruraler und folkloristischer, vielfach leichtfüßig beschwingt daherkommender Musik, die getragen wird vor allem von Gitarre, Flöte und Perkussion. Diese Musik verzaubert - weil sie authentisch klingt und spannend arrangiert ist.
 
Trommeln und Rhythmen spielen eine entscheidende Rolle. Gut, dass in ihrer fünfköpfigen Band alle auch perkussive Talente haben. Und in einem Stück sogar Klavier, Saxofon oder Kontrabass im Kollektiv gegen eine Trommel eintauschen. Rosani Reis greift zum Patangome, einem runden Schüttelinstrument. Das erinnert an Zeiten als Sklaven mit einem Sieb Gold aus dem Schlamm schüttelten. Jetzt sorgen die mit dem Patangome und den anderen Trommeln erzeugten Rhythmen im Verbund mit der Stimme von Rosani Reis für ein eindringliches, puristisches Hörerlebnis.
 
Beim lieblichen Folklorestück „Peixinhos do Mar“ teilt sich die Sängerin die Bühne nur mit ihren bei diesem Konzert ebenfalls mitwirkenden Kindern Noah und Luna. Ein intimer und herzerwärmender Moment.
 
Vielleicht erzählt  die sympathische Brasilianerin an diesem Abend ein paar Geschichten zuviel zu ihren Liedern. Und ist dabei manchmal vielleicht auch ein wenig zu albern. Aber es ist ihr Heimspiel, viele Bekannte sitzen im Publikum. Und die haben sichtlich Spaß. Und feiern die Musiker am Ende nach einer fulminanten Version von Jorge Ben Jor´s Klassiker „Mas que nada“ zu Recht mit donnerndem Applaus
 
Text & Fotos: Christoph Giese

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Angrajazz
 
Angra do Heroísmo, Terceira, Azoren
 
Das Kultur- und Kongresszentrum ist kreisrund. Kein Wunder, stand da vorher doch eine Stierkampfarena. Miguel Cunha hat das Gebäude gestaltet. Der Architekt von der Azoren-Insel Terceira ist auch einer der Köpfe des Festivals „Angrajazz“, das jetzt seine 19. Ausgabe über die Bühne des Kultur- und Kongresszentrums brachte. Viel Publikum strömte an jedem der vier Konzertabende. Auch wenn Jazz während des Jahres nicht so eine große Rolle spielt auf der Insel – zum „Angrajazz“ kommen die Leute, längst schon auch von den anderen Azoren-Inseln und vom portugiesischen Festland.
 
Das Festival hat aber auch was zu bieten. Das heimische „Orquestra Angrajazz“, 2002 gegründet und seitdem immer beim Festival vertreten. Die große Bigband mit Amateurmusikern der Insel unter der allerdings professionellen Leitung von Claus Nymark und Pedro Moreira bot mit ihren Arrangements von Stücken von Tadd Dameron, Thelonious Monk oder Dizzy Gillespie eine sehr nette Einstimmung auf das Festival. Richtig aufregend wurde es aber erstmals beim Duo Baptiste Trotignon & Minino Garay. Der französische Pianist und der argentinische Perkussionist wandelten in pulsierenden Dialogen durch Tangos, brasilianische Rhythmen und populären Musical-Themen und verquickten das alles mit Jazz und stellten ihre große Virtuosität dabei immer in den Kontext von Musikalität, von gleichberechtigtem Miteinander. Wie melodisch Garay dabei trommelte. Und wie sensibel dieses Duo auch zu spielen verstand.
 
In diesem Jahr wäre Thelonious Monk 100 Jahre alt geworden. 1959 spielte der eigenwillige Pianist mit seinem Orchester das legendäre Town Hall-Konzert, das jetzt das „Charles Tolliver Tentet“ in den originalen Arrangements von Hall Overton auf die Festival-Bühne in Angra do Heroísmo brachte. Und wer dann einen so famosen Altisten wie Todd Bashore in der Band hat, der muss als Zuhörer keinen Phil Woods wie beim Original vermissen. Tolliver selbst hielt sich mit dem Spielen zurück, lenkte mehr sein famoses Ensemble, das der Musik von Monk mit vielen schönen Momenten eine große Ehre erwies.
 
Das „Ensemble Super Moderne“ besteht aus acht Musikern aus dem Raum Porto. Seit drei Jahren spielt man als Band zusammen Wer sich supermodern nennt, der weckt natürlich Erwartungen, die diese Formation aber lässig erfüllt. Denn sie präsentiert sich auf Terceira als ausgewogene Einheit, die keinem bestimmten Sound oder Etikett hinterher hechelt, sondern aus unterschiedlichen Einflüssen einen eigenen, vitalen Bandsound schafft. Ist der modern oder gar supermodern? Er bietet dem Zuhörer auf jeden Fall spannende Momente zwischen Improvisation und kollektiver Interaktion, zwischen krummen Metren und Fusion-Anleihen und zwischen Augenblicken, die kurz auch mal ein wenig zu konstruiert und verkopft wirken, sich dann aber wieder wunderbar auflösen in eine packende Klangsprache.
 
Den meisten Applaus während der vier Festivaltage aber bekam Yilian Cañizares. Die in der Schweiz lebende kubanische Sängerin und Geigerin verwöhnte mit ihrem Mix aus Kuba und Jazz, der zwischendurch immer mal auch ein wenig spirituell angehaucht war. Zudem weiß die Dame, wie man ein Publikum anspricht. Da wirkte der das Festival abschließende Auftritt des famosen Quartetts von US-Saxofonist Jon Irabagon auf den ersten Blick richtig bieder, was aber überhaupt nicht der Fall war. Denn diese Truppe kann richtig heißlaufen, mächtig swingen und nach vorne preschen. Ein feiner finaler Schlusspunkt unter ein Festival auf einer landschaftlich wunderschönen Vulkaninsel, die neben guter Musik noch so viel mehr zu bieten hat.
 
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Jorge Monjardino

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Jazzfestival Leibnitz 2017
 
Ausverkauft schon vor Beginn, davon träumt jedes Festival. Otmar Klammer hat das mit seinem Jazzfestival Leibnitz bei der fünften Ausgabe geschafft. Schon im letzten Jahr strömten viele Zuhörer zu dem viertägigen Event in der Südsteiermark. Dieses Jahr gab es schon vor dem ersten Ton keine Tickets mehr zu kaufen. Es hat sich herumgesprochen, dass der Journalist aus Graz, der dort das ganze Jahr auch Konzerte in dem Jazz-Etablissement Stockwerk veranstaltet, ein feines Händchen hat, wenn es darum geht ein stimmiges Programm zusammenzustellen.   
 
Das zeigte schon der Auftaktabend, der wiederum im 300 Jahre alten Bischöflichen Weinkeller des oberhalb von Leibnitz gelegenen, imposanten Schlosses Seggau stattfand. Ein wenig kühl ist es in dem Keller. Heizstrahler sorgen für Wärme, aber auch die Musik vom Tori Freestone Trio. Die Londoner Tenorsaxofonistin und ihre beiden Kollegen an Bass und Schlagzeug lassen geschickt dann und wann Folkanleihen in ihre sperrigen und dabei doch auch flüssigen, gemeinschaftlichen jazzigen Improvisationen einfließen. Das Trio des französischen Tubaspielers Yves Robert experimentierte anschließend geschickt mit Elektronik, die sich wunderbar mit der handgemachten Virtuosität der drei Musiker verband. Und auch hier führte Sperrigkeit schließlich zu einem Hörerlebnis, mit herrlich groovenden Momenten, die am Ende sogar afrikanisches Feeling verströmten.
 
Soweto Kinch hatte es am zweiten Abend im Kulturzentrum Leibnitz nicht ganz so leicht. Forderte der Saxofonist und Wortkünstler das Publikum doch mehrmals auf, beim Singen mitzumachen. Ein wenig schüchtern reagierte der Saal. Rasanten Bebop und HipHop kreuzt der Brite in seinem Programm, das dadurch interessant, aber nicht immer homogen wirkt. Auch wenn das Trio die teils sozialkritischen Texte von Kinch mit coolen Beats unterfüttert. Anspruchsvoll auch der Auftritt der Band Sexmob um den Slidetrompeter Steven Bernstein. Die vier Herren dieses schon 20 Jahre bestehenden Quartetts musizieren scheinbar aus dem Moment heraus mit großen spürbaren Vergnügen. Bernstein lieferte sich mit Briggan Krauss auf dem Altsaxofon heiße Gespräche, wunderbar angetrieben von Bassist Tony Scherr und Drummer Kenny Wollessen. Sexmob winden und wenden sich, improvisieren und überraschen. Ein köstlicher Hörspaß.
 
Das gilt auch für eine relativ neue Formation, die erst wenige gemeinsame Konzerte gespielt hat. Das Émile Parisien Quartett hat sich Landsmann und Klarinettist Louis Sclavis dazugeholt. Die Österreich-Premiere in Leibnitz bot virtuosen, wagemutigen, komplexen, leidenschaftlichen, freigeistigen Jazz, der dabei aber nie angestrengt rüber kam. Das galt auch für die nach zehn Jahren Pause nun wiedervereinte Kultband „Café Drechsler“. Das Wiener Trio lud mit groovendem, allerdings recht monotonen Club-Jazz zu einem Late Night-Konzert mit Bewegungsanimation in den Marenzikeller, einem kleinen, sehr atmosphärischen Kellerclub, der erstmals Spielort des Festivals war.
 
Der abschließende Jazzbrunch am Sonntagmorgen stand wie schon im Vorjahr unter einem guten Stern. Ein strahlend blauer Himmel erwartete das Publikum an einem wundervollen Weingartenhotel auf dem Berg. Das Berliner Quartett Die Enttäuschung forderte zwar mit seinen verqueren Klängen, aber das Leibnitzer Publikum mochte das offensichtlich und erklatschte sich fleißig Zugaben.
 
 
Text: Christoph  Giese; Fotos: Peter Purgar

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"Shinkarenko Jazz 4N"

Im Osten gibt es noch echte Männer. Die sich mal eben für 27 Stunden in einen gemieteten Minibus setzen, um für je ein Konzert in Essen und Gelsenkirchen ins Ruhrgebiet zu fahren. Der litauische Bassist Leonid Shinkarenko und seine Band haben das jetzt gemacht. Und die Mühe hat sich für das Quartett und den eigenen Soundmann gelohnt: Viel Applaus haben sich die Litauer vom restlos begeisterten Publikum in der gut besuchten Kellerbar im Consol Theater für ihren Auftritt abgeholt.
 
Nach einer langen Sommerpause bot der Samstagabend das Auftaktkonzert zur neuen Saison der Jazzinitiative „GEjazzt“. Und mit „Shinkarenko Jazz 4N“ hat das Team um Eva Furmann die Latte gleich hoch gehängt für die kommenden Konzerte. Denn die vier Litauer brillierten in der atmosphärischen Kellerbar mit ihrer ausdrucksstarken, selbst komponierten Musik.
 
Groovende, flüssige E-Bass-Linien von Bandleader Leonid Shinkarenko, der wie seine drei Kollegen zur Crème der Jazzmusiker seines Landes zählt, sind die Basis der meisten Stücke, die sich dann aber jede Menge Zeit gönnen um sich zu entwickeln.
 
Schlagzeuger Arvydas Joffe sorgt für nimmermüde, kreative rhythmische Pulsschläge, während sich die beiden Hauptsolisten Jan Maksimovich und Vytautas Labutis ganz ihren expressiven Soloausflügen widmen können. Manchmal tun die beiden Saxofonisten das gemeinsam, manchmal den anderen unterstützend. Ohnehin fügt Labutis so manchen kleinen Kommentar auf dem Keyboard zur Musik hinzu.  
 
Wunderbar sind die Ausdrucksmöglichkeiten beider Bläser, auch in den balladesken oder klangsuchenden Momenten. Da hört sich ein ohne Mundstück gespieltes Sopransaxofon auch mal wie eine Flöte an.  Aber als auch kompakte Einheit überzeugt diese Klasse-Band, die erst nach zwei Zugaben von der Bühne gelassen wird.
 
Weiter geht es bei „GEjazzt“ übrigens am 21. Oktober. Dann kommt das „KA MA Quartet“ mit dem indonesischen Perkussionisten Nippy Noya als Gast in die Kellerbar, um John Coltranes berühmte Suite „A Love Supreme“ auf ihre Weise zu interpretieren. Das fast gleichnamige Album der Band um Saxofonistin Katharina Maschmeyer klingt jedenfalls schon vielversprechend.
 
Text & Fotos: Christoph Giese

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„PUNKT Festival“ Kristiansand, Norwegen
 
Kalt kann die letzte August-Nacht in Norwegen sein. Und wenn dann noch der Wind durchzieht in den nur unzureichend überdachten Garten des kleinen Lokals Vaktbua, dann kann es schon irgendwie ungemütlich sein. Das norwegische Quartett „Rohey“ aber erwärmte am Auftaktabend des dreitägigen PUNKT-Festivals schnell das dicht um die kleine Bühne stehende Publikum mit ihrer erfrischenden Neo-Soulmusik, die von einem Jazzfunk-Trio ihren mächtigen Antrieb bekam. Die drei Jungs, die Sängerin Rohey Taalah um sich geschart hat, sehen aus wie eine Schülerband, grooven aber wie alte Hasen.     
 
Das Großartige an dem PUNKT-Festivalkonzept des Live Remixes ist, dass ein eher anstrengendes Ausgangskonzert sein volles Potenzial manchmal erst im anschließenden Remix erfährt. Auf das erstmals live auf einer Bühne agierende Duo von Sidsel Endresen und David Toop traf das sicher zu. Dass die Norwegerin eine begnadete und besondere Sängerin ist, steht außer Frage. An diesem Abend jedoch dominierte das experimentelle Erzeugen von allerlei Geräuschen mittels ihrer Stimme. Und das Ganze wurde eher langweilig und gedanklich langsam begleitet und kommentiert vom britischen Schriftsteller, Musikjournalisten und Musiker David Toop. Doch dann kam der Remix von den beiden Festivalgründern Jan Bang und Erik Honoré, im Verbund mit Gitarrist Eivind Aarset, Bassist Mats Eilertsen und Drummer Anders Engen, die die magischen Momente des zuvor Gehörten geschickt herausfilterten, um sie dann in ihren ureigenen, faszinierenden Soundkosmos einzubauen.
 
Dass aber auch ein Remix mal in die Hose gehen kann, musste der diesjährige Artist in Residence erfahren. Denn eigentlich wollte Daniel Lanois, berühmter Musiker und Musikproduzent, der mit U2, Brian Eno oder Bob Dylan arbeitete, mit seinem Trio den Klasse-Auftritt des australischen Kulttrios „The Necks“ remixen. Doch unter anderem wegen Problemen mit der Technik wurde daraus eine nur etwa zehnminütige, ziemlich beliebige Rockperformance. Auch das Konzert mit dem Trio des Kanadiers und seiner lauten, irgendwie nach Vorgestern klingenden Rockmusik  und einer Spur Dub war sicher keiner der Höhepunkte der bereits 13. Ausgabe dieses einzigartigen Festivals. Dass dann im Lanois-Remix wieder seine Einzigartigkeit und Genialität zeigte. Die gesungenen Liedzeilen einfach als gesprochenen Text zu rezitieren, darauf muss man erst einmal kommen. Mit der ersten Remixer-Garde mit Jan Bang, Erik Honoré, Eivind Aarset, Arve Henriksen und Audun Kleive entstand aus dieser Bearbeitung ein völlig neues, eigenständiges, faszinierendes Musikwerk.
 
Weitere memorable Momente von PUNKT 2017: Die Live-Präsentation von Arve Henriksens, beim norwegischen Label Rune Grammofon erschienenen CD „Towards Language“. Einfach wunderschön, atmosphärisch, dicht! Und Erik Honorés Seminar mit dem Titel „Recording turbulence“. Denn das ging unter die Haut. Nicht nur wegen der Soundbeispiele, die viel Neugier erweckten auf die beiden neuen, fantastischen Platten, um die es in diesem Seminar ging. Sondern auch, weil Honoré sehr persönlich von seinen Gefühlen sprach bei der Produktion seines neues Soloalbums „Unrest“ (Hubro) und dem Duoalbum „Tuesday Gods“ (Jazzland), das er mit seiner Frau, der Sängerin Greta Aagre eingespielt hat.
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Petter Sandell

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Malta Jazz Festival
 
Valletta, Malta
 
Weit nach Mitternacht zeigt die Uhr. Und immer mehr Leute stehen auf und gehen. Dabei ist das letzte Konzert des Abends noch gar nicht beendet. Nicholas Paytons Projekt „Afro-Caribbean Mixtape“ läuft noch. Aber vielleicht ist es manchem dann nach über einer Stunde einfach doch zu viel geworden, diese Mischung aus verschiedenen Strömungen des Jazz, der schwarzen Musik. Swing, New Orleans-Sounds, Soul, HipHop, Rhythm and Blues, Spoken Word oder Zitate wie „Jazz Is a Four-Letter Word“ von Max Roach, eingebettet in cool swingende Rhythmen, über die sich dann zubeißende Trompetensounds legen. All das liefern Trompeter Nicholas Payton, der zudem Piano und Fender Rhodes spielt, Bassist Vicente Archer und Drummer Joe Dyson. Und das ist meistens erregend, weil lässig und schlüssig zusammengesetzt. Da konnte das „Mark Guiliana Jazz Quartet“ zuvor nicht ganz mithalten. Sicher, der akustische Jazz des gefragten Schlagzeugers aus New Jersey hat Klasse, sein Drumming ist exzellent. Doch irgendwie fehlte seiner Musik auf Malta das Besondere, das nach dem Hören noch ein wenig haften bleibt, das eben Nicholas Payton zu bieten hatte.
 
In diesem Jahr präsentierte sich das „Malta Jazz Festival“ zum zweiten Mal neben dem malerischen Hauptspielort am Ta´ Liesse-Hafen auch mitten in der Hauptstadt. Mit einem kostenlosen Happen Jazz zur Mittagszeit vor dem neuen Parlament. Und einen ganzen Abend lang luden drei Bühnen entlang der Hauptstraße von Valletta bei ebenfalls freiem Eintritt ein. Der Jazz soll eben in der ganzen Stadt spürbar sein, sagt Festivalleiter Sandro Zerafa zu der Idee weiterer Spielorte. Der reizvollste war dabei sicher das Pjazza Teatru Rjal, das ehemalige, im Zweiten Weltkrieg von Bomben zerstörte Opernhaus, das vor ein paar Jahren nach den Plänen vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano als Open Air-Theater wiedereröffnet wurde. Die maltesische Sängerin Nadine Axisa bot dort zwar nicht den spannendsten Auftritt, doch der Spielort lohnte das Kommen allemal.
 
Mitreißend war dagegen der Gratis-Auftritt des brasilianischen Sängers, Gitarristen und Bassisten Munir Hossn auf einer eher improvisierten Bühne auf der Hauptstraße. „Made in Nordeste“ heißt sein Projekt und auch sein aktuelles Album. Und wie der charismatische Bandleader mit seiner multikulturellen Truppe, mit brasilianischem Perkussionisten, Schlagzeuger aus Guadeloupe oder dem portugiesischen Akkordeonisten João Frade, afro-brasilianische Kultur, Rhythmen und Melodien aus seinem Heimatstaat Bahia mit funkigem, hippen Jazz kreuzte, das lockte zurecht eine Menge junge Leute an die Bühne.    
 
Hip klang auch das Projekt „The Meridian Suite“ des mexikanischen Schlagzeugers Antonio Sanchez und seiner Formation „Migration“. Wuchtige Sounds von John Escreet auf dem Fender Rhodes, intensive Linien auf Saxofon und EWI von Seamus Blake oder die oft textlosen Lyrics der Sängerin Thana Alexa im Verbund mit den meist pushenden Rhythmen des Bandleaders schufen eine durchlaufende Jazz-Rock-Suite, mit sich kreuzenden und wiederkehrenden Linien, mit anspruchsvollen Rhythmusmustern. Energie pur. Wer konnte sich unmittelbar danach noch von dem Festivalabschlusskonzert mit „Al Di Meolas World Sinfonia“ so richtig einfangen lassen?
 
Im kommenden Jahr wird Valletta übrigens den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt tragen. Da hofft Sandro Zerafa schon jetzt, sein illustres Festival noch mehr ins Licht rücken zu können.
 
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Joe Smith

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Funchal Jazz Festival 2017

Funchal, Madeira
 
Man bräuchte schon einen Taschenrechner um die ganzen Lebensjahre der Mitglieder des „Saxophone Summit“ zu addieren. Spielen in dieser All-Star-Band mit Joe Lovano, Dave Liebman und Greg Osby doch gleich drei Größen des Saxofons mit. Nicht zu vergessen die hochkarätige und ebenfalls reich an Jahren gesegnete Rhythmusgruppe mit Pianist Phil Markowitz, Bassist Cecil McBee und Drummer Billy Hart. Und dennoch packte dieses Sextett nur bedingt bei seinem Auftritt am Eröffnungsabend des diesjährigen Funchal Jazz Festivals. Zu viel Klangsuche und Stückwerk, trotz feiner kollektiver Momente. Wie erfrischend war da zuvor das Festival-Eröffnungskonzert von „João Barradas Directions“. Auch ein Sextett, das der derzeit überall gefeierte Jungstar des portugiesischen Jazz, der Akkordeonist João Barradas, mit auf die Blumeninsel im Atlantik gebracht hatte. Greg Osby als Gast streute ein paar spitze, scharfe Momente auf dem Altsax ein, blieb ansonsten aber doch eher ein Fremdkörper. Der Kopf der ansonsten ausschließlich portugiesischen Band ist ohnehin der Bandleader höchstpersönlich. Ein Virtuose ist dieser João Barradas auf dem Knopfakkordeon, ein rhythmisch hoch spannender Improvisator, ein Musiker, der in seinen Jazz wie selbstverständlich Tango und Mediterranes verknüpft. Frisch und aufregend klang das im wunderschönen Ambiente vom Santa Catarina-Park im Herzen der Insel-Hauptstadt.
 
Ein weiteres Sextett präsentierte Festivaldirektor Paulo  Barbosa dem an jedem der drei Abende zahlreich in den Park strömenden Publikum. Mit seiner neuen „Caipi“- Band hat sich Kurt Rosenwinkel einen lange vorhandenen Wunsch selbst erfüllt, nämlich die brasilianische Klangwelt in seine Musik einzubauen. Mit drei Brasilianern, US-Schlagzeuger Bill Campbell und der Pianistin und Sängerin Olivia Trummer spielte der in Berlin lebende US-Gitarrist eine gefällige, gut zu hörende Sommermusik, die höchstens in Ansätzen nach Brasilien klang. Dazu passte dass Rosenwinkels Gitarrenspiel eher an Pat Metheny als an den Zuckerhut erinnerte. Ganz dem puren Jazz hatte sich dagegen US-Drummer Rudy Royston auf die Fahne geschrieben - und mit seinem „Orion Trio“ auch konsequent umgesetzt. Mit Saxofonist Jon Irabagon und Bassist Yasushi Nakamura gestaltete Royston aufregende Dialoge voller improvisatorischer Freiräume und komplex-packenden Linien, garniert vom Bandleader mit hoch virtuosem Powerdrumming.
 
Wie gut passte da zum Festivalabschluss die Spiritualität und Gelassenheit eines großen alten Meisters! 79 Jahre alt ist Charles Lloyd inzwischen und sein Saxofonspiel verströmt noch immer diese große Magie. Sein Quartett hatte der Amerikaner (spontan?) um Bill Frisell erweitert, der ja in Lloyds neuer Marvels-Band mitspielt und direkt vor dem Auftritt des Saxofonisten mit seinem eigenen Trio einen ruhigen, unaufgeregten Streifzug durch Jazz, Blues und Americana auf der großen Festivalbühne unternommen hatte. Aber es ist Charles Lloyd, der das Herz mit seiner Musik so richtig berührt. Riesenapplaus am Ende. Und man verlässt den Park mit dem Gefühl, einmal mehr Gast eines wirklich besuchenswerten Festivals gewesen zu sein.
 

Text: Christoph  Giese; Fotos: Renato Nunes

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Joshua Redman Trio in “domicil” Dortmund

Joshua Redman - sax
Reuben Rogers - bass
Gregory Hutchinson - drums
 
Vor vier Jahren spielte US-Saxofonist Joshua Redman das bislang einzige Mal im Jazzclub „domicil“, im Quartett. Jetzt kam er im Trio zurück, mit den gleichen Begleitern. Nur der Pianist von damals blieb daheim.
 
Das hieß nun noch mehr Arbeit für den Bandleader und die anderen beiden.  Aber auch mehr Möglichkeiten! Mit viel Freiräumen  für den einzelnen, aber eben auch mit intensivem Triogefüge, dass alle Beteiligten immer herrlich offen hielten.
 
   
Aus der Jazztradition heraus frisch und aufregend zu musizieren, das kann dieses Trio. Weil es versteht mit Rhythmen und Kontrapunkten zu spielen, federnden Swing in eine nervöse rhythmische Hibbeligkeit zu überführen, über die Joshua Redman mit seinem Tenorsaxofon dann feurig seine tänzerischen Linien drüberlegen kann.
 
In solchen Momenten entsteht ein mitreißender Sog, von dem man sich nur allzu gerne anstecken und treiben lässt. Und dann plötzlich ein Break, eine Jazzballade. Und hier zeigen sich Redman, Bassist Ruben Rogers und Schlagzeuger Gregory Hutchinson dann als wahre Meister der einfühlsamen Klänge.
 
Dieses Trio kann mit Klängen und Farben spielen, Blues und Funk kombinieren, Virtuosität mit Ausdruck, Dringlichkeit mit Lockerheit, Dynamik mit Entspannung. Wie schön, dass der WDR-Hörfunk dieses Konzert mitgeschnitten hat und man es irgendwann im Radio noch einmal erleben kann.
 
Text: Christoph Giese & Fotos: Kurt Rade

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Klavier-Festival Ruhr:
Hilario Durán, Chucho Valdés & WDR Big Band in der
Philharmonie Essen
 
Als Hilario Durán noch sein Klavierschüler in Havanna war, da soll Chucho Valdés mal zu ihm gesagt haben: Du bist besser als alle hier zusammen. Solch eine Aussage war sicher nicht gerade förderlich für die Motivation der anderen in der Klasse, drückte aber schon damals die riesengroße Bewunderung des legendären kubanischen Pianisten für das Talent seines 12 Jahre jüngeren Kollegen aus.
 
Aber was war es, das Valdés so beeindruckte? Virtuose Technik und überbordendes Temperament allein wohl nicht. Damit sind die Kubaner ohnehin gesegnet. Vielleicht hatte der Ältere, Erfahrene einfach nur schon bemerkt, dass der Jüngere zudem eine große Begabung fürs Arrangieren und für die Orchesterarbeit hat.
 
Diese Begabung jedenfalls durfte Hilario Durán jetzt zum zweiten Mal beim Klavier-Festival Ruhr unter Beweis stellen. Vielfarbig und aufregend klangen seine großorchestralen kubanischen Jazzkleidchen, die er der WDR Big Band überstreifte. Und sein „Lebenstraum“, wie es der scheidende Produzent der Kölner Bigband, Lucas Schmid, auf der Bühne der vollbesetzten Philharmonie formulierte, war es, Chucho Valdés dabei zu haben.
 
Da saßen sich die beiden fingerfertigen Kubaner also an zwei Konzertflügeln gegenüber und warfen sich kleine Motive aus der gemeinsamen Heimat gegenseitig nur so zu. Um sie dann weiterzuspinnen oder zu kommentieren. Und mit welcher Leichtigkeit und Luftigkeit das geschieht! Kubanische Rhythmusmuster münden in kreative Jazzimprovisationen und umgekehrt.
 
Im Großen funktioniert das ebenso spielend. Die WDR Big Band bekommt in den Arrangements und teilweise speziell für diesen Abend geschriebenen Stücken den Raum, um ihre volle expressive Kraft rauszulassen und als brillante, grenzüberschreitende Jazzkappelle ein ums andere Mal zu glänzen.
 
Mambo, Danzón oder eine „Rapsodia en Ritmo“ – der Latin-Jazz der beiden älteren kubanischen Herren klingt nie nach plattem Kuba-Klischee, sondern ist immer eine gewitzt verquickte Melange aus karibischer Ausgelassenheit und raffiniert angerührten westlichen Jazz-Pattern.
 
Mit der suitenartig aufgebauten „Misa Negra“, einem Klassiker aus aus der Feder von Chucho Valdés, wird im zweiten Konzertteil das afrokaribische Element in der kubanischen Musik auf packende Art betont. Ein weiterer, absoluter Höhepunkt einer wundervoll bunten, weltumspannenden Klangreise.
 
Text & Fotos: Christoph Giese

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Émile Parisien Quintet feat. Joachim Kühn im Grillo-Theater Essen

Wenn er am Mikrofon steht und in seinem Englisch mit starkem französischen Einschlag ein paar wenige, knappe Ansagen macht, wirkt Émile Parisien fast ein wenig schüchtern. Aber wehe, der kleine Franzose hat sein Sopransaxofon am Mund.
 
Dann schießen die Tonkaskaden nur so aus seinem Instrument. Dann krümmt sich Parisien, formt den fortwährenden Notenschwall förmlich mit seinem ganzen Körper. Folkloreeinflüsse seiner Heimat Frankreich hört man in seinem Spiel, vor allem aber freigeistigen Jazz, der sich an harmonischen und melodischen Abstraktionen nur zu gerne reibt.
 
Die Musik seines Quintetts pulsiert fast unaufhörlich, biegt um viele spannende Ecken, ist ein purer Energieschwall. Und schrammt immer wieder geschickt, angeführt vor allem durch die Stromgitarre von Manu Codja, am Rock entlang.
 
Und dann sitzt im Grillo-Theater ja noch Joachim Kühn am Konzertflügel, der Leipziger Freigeist auf den schwarz-weißen Tasten. Seit zwei Jahren spielen die zwei Brüder im Geiste Kühn und Parisien zusammen. Eine wunderbare Kombination. Ist Kühn ja auch so einer, der hemmungslos und mit Rasanz improvisiert. Um dann wiederum auch ganz strukturiert den Fluss dieser jederzeit packenden Musik mit zu gestalten.
 
Text & Fotos (Archiv): Christoph Giese

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„Zeitinsel Michael Wollny“, im Konzerthaus in Dortmund

Michael Wollny - Piano
 
Als deutscher Jazzmusiker gleich eine ganze „Zeitinsel“ im Konzerthaus zu bekommen, das ist schon was. Aber der Pianist Michael Wollny hat es längst geschafft, nicht nur hierzulande ein Aushängeschild von Jazz Made in Germany zu sein.

Drei Tage durfte sich der in Schweinfurt geborene Tastenkünstler nun im Konzerthaus mit insgesamt sechs Programmpunkten präsentieren. Mit seinem um den französischen Akkordeonisten Vincent Peirani erweiterten Trio etwa. In einem Duo mit „Get Well Soon“-Frontmann Konstantin Gropper; mit einem Blick auf Bach mit seinen Goldberg-Tangenten.
 
Oder zum Auftakt mit der Vertonung des alten Stummfilms „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“. Der schaurigen Vampirgeschichte von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahre 1922, mit ihren gequälten Seelenzuständen und ihrer überspitzten Dramatik, setzte Michael Wollny zusammen mit seinem langjährigen Schlagzeuger Eric Schaefer und dem von Geir Lysne geleiteten Norwegischen Bläserensemble einen ebenso dichten wie atmosphärischen und dramatischen Soundtrack entgegen.
 
Mit improvisierter Musik, die nicht eine Sekunde vom Geschehen auf der Riesenleinwand ablenkte, sondern das Geschehen auf der Leinwand farbig untermalte und dabei auch mal überraschend konterte.
 
Mit dem britischen Soundkünstler Leafcutter John ließ Michael Wollny eine gute halbe Stunde nach diesem audiovisuellen Erlebnis das zuvor Gehörte in einem herrlich abstrakten Remix auf der Konzerthaus-Bühne noch einmal ganz anders nachklingen. Und unterstrich damit noch einmal, wie offen er doch für Momente des spontanen Ausprobierens ist.   
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Petra Coddington

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“Mariza” in der “Lichtburg Essen”

Nein, traurig und melancholisch muss Fado nicht immer sein. Bei Mariza ist er es an diesem Abend in der altehrwürdigen Lichtburg jedenfalls nicht. Die schmale, blond gefärbte Portugiesin mit der Riesenstimme bricht ohnehin schon seit längerem die Grenzen des oft, aber irgendwie nicht richtig zutreffend als portugiesischen Blues genannten Musikstils auf in Richtung anderer musikalischer Genres.
 
Die poppige Ballade „Sem ti“ kurz nach Beginn ihres Essener Konzertes ist dafür ein schönes Beispiel. Das leicht tänzelnde „Caprichiosa“, eine Cumbia des uruguayischen Komponisten Froilán Aguilar mit Portugal als Thema, ein weiteres. Mariza versteht es geschickt, ihre Musik immer wieder weltoffen zu gestalten.
 
So verfällt auch niemand in den bequemen Kinosesseln in der Lichtburg in eine dunkle Grundstimmung. Das lässt die Königin des Fado sowieso nicht zu. Denn nur zuhören ist bei Mariza nicht an diesem Abend. Gleich zwei Mal wird das Publikum aufgefordert mitzusingen. Und dabei lässt die Sängerin nicht locker.
 
Allerdings zieht sich dieses Mitsing-Prozedere minutenlang hin. Und reißt damit beide Male ziemlich aus einer dichten Konzertstimmung. Aber das Publikum mag solche Aktionen, das hört man.
 
Ihre Band hat Mariza ganz typisch für den Fado mit drei vorzüglichen Gitarristen besetzt. Mit denen kann sie dann problemlos in traditionelle Fadostücke eintauchen. Wenn dann wieder Schwung und weltmusikalische Kraft gefragt sind, gesellt sich Schlagzeuger Vicky Marques zu dem Trio.
 
So fließt das Konzert dahin, pendelt zwischen intimeren Liedern und einer über die Bühne tanzenden Mariza in dem fröhlichen guten Laune-Stück „Rosa Branca“. Zur Zugabe bekommt man dann einen Eindruck, wie es in einer kleinen Fadokneipe irgendwo in Lissabon zugeht. Die drei Gitarristen kommen nach vorne und stellen sich ganz eng zusammen. Und Mariza gesellt sich dazu und singt. Alles akustisch, die Mikrofone sind abgestellt.
 
Ein starker Moment. Aber der richtige Gänsehautfaktor kommt erst ganz am Schluss. Mit dem ziemlich unter die Haut gehenden, weil wahnsinnig leidenschaftlich gesungenen „Ó gente da minha terra“ zollt die charismatische Portugiesin der großen, verstorbenen Fado-Ikone Amália Rodrigues ihre Ehre.  
 
Text und Fotos: Christoph Giese

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“GoGo Penguin” im “domicil” in Dortmund
 
Nick Blacka - bass
Chris Illingworth - piano
Rob Turner - drums
 
Wie kommt man nur auf diesen Bandnamen? Ein auf einem Uni-Flohmarkt gekaufter Plüschpenguin soll das Trio darauf gebracht haben. Egal, „GoGo Penguin“ sind sowieso eine ungewöhnliche Band.
 
Das merkt man schon, wenn man den Jazzclub „domicil“ an diesem Abend betritt. Viele Hipster sind da, ein insgesamt jüngeres Publikum als bei vielen anderen Jazzkonzerten. Aber der Jazz der drei Briten aus Manchester ist ja auch anders.
 
Kompositionsideen entstehen bei „GoGo Penguin“ per Smartphone-App oder Loop-Programm und werden dann auf ein akustisches Grundgerüst der drei Instrumente Klavier, Kontrabass und Schlagzeug gelegt.
 
Minimalistische, sich wiederholende, kurze Melodien von Pianist Chris Illingworth, der elektronisch aufgemotzte und daher wuchtig brummelnde und manchmal sägende Kontrabass von Nick Blacka und die oft explodierenden Breakbeats von Schlagzeuger Rob Turner kreieren leicht hypnotische, tanzbare Songs, die Akustik-Jazz mit elektronischen Zutaten wunderbar zusammenbringt.  
 
Das ist eingängige, angenehme Clubmusik, die sich zwischendurch auch mal mächtig erhebt und wild aufheult. Aber es ist auch Musik, die nach einer Weile Zuhören einem irgendwie auch das Gefühl vermittelt, dass sie sich ein wenig im Kreise dreht.
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Kurt Rade

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Branford Marsalis Quartet feat. Kurt Elling im Konzerthaus Dortmund
 
Was konnte man vorher erwarten? Einen ganz netten Jazzabend mit illustren Namen des US-Jazz. Was bekam man schließlich im ausverkauften Konzerthaus geboten? Ein durchweg aufregendes, mitreißendes Konzert einer bestens eingeölten Jazzmaschine, die am Freitagabend mit dem Sänger Kurt Elling noch ein Rädchen mehr im ohnehin schon perfekt funktionierenden Getriebe hatte.
 
Das lange Jahre schon zusammenspielende Quartett des Saxofonisten Branford Marsalis ist ja schon für sich ein Erlebnis, wenn es so aufspielt wie in Dortmund. Wunderbar swingend in jeder Couleur. Und als dichte, treibende und immer wieder explodierende Einheit, die elektrisierende Notengewitter über das Publikum ausschüttet.
 
Für das im letzten Jahr erschienene CD-Projekt „Upward Spiral“ hat sich der Sproß der berühmten Marsalis-Jazzdynastie aus New Orleans mit Kurt Elling zusammengetan. Der Sänger aus Chicago mit seiner schlanken Stimme bringt sich im Konzerthaus nicht zuletzt durch seine gescatteten Einlagen wie ein fünftes Instrument in die Band ein. Und mit seinem Saxofon findet Branford Marsalis Unisono-Linien zur Stimme des Sängers oder geht auf kontrastierenden Kurs.
 
So wird selbst ein oft gehörter Jazzstandard wie „Long As You´re Livin´“ zu einem ausgedehnten, aufregenden und ziemlich frisch klingenden Stück Musik.
 
Ein zartes Duo von Saxofon und Stimme wie in Frank Sinatras Jazzballade „I´m A Fool To Want You“ bedeutejn an diesem Abend nur kurze Momente des Innehaltens, bevor die Beteiligten wieder den Energieschalter drücken.
 
Am Ende tobt das Publikum. Und die Musiker bedanken sich dafür mit einem ziemlich lässig gespielten New Orleans-Blues.  
 
CD-Tipp: Branford Marsalis Quartet & Kurt Elling „Upward Spiral“ (OKeh/Sony)         

Text & Fotos: Christoph Giese

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Snow Jazz Gastein
 
Selbst einen alten 1980er Hit überführen sie in ihre ganz eigene, so wunderbar hymnische Klangwelt. „Don´t You Want Me“ der britischen Synthie-Popper „The Human League“ wird bei „Shalosh“ stellenweise mindestens aufs dreifache Tempo heraufgeschraubt. Der Song platzt fast vor Virtuosität und Einfällen, die das lange und mitreißende Konzert der drei Israelis im Sägewerk auszeichnet. Es ist erst der dritte von neun Festivaltagen beim diesjährigen „Snow Jazz Gastein“, doch das so sympathische Festival im Gasteinertal, einem Ski-  und Erholungsgebiet eine Autostunde von Salzburg entfernt, hat spätestens jetzt seinen ersten Höhepunkt erreicht. Wie Pianist Gadi Stern, Bassist David Michaeli und Schlagzeuger Matan Assayag ihren Jazz mit flirrenden Improvisationen, klassischen und orientalischen Elementen und der Kraft des Rock ausschmücken, das entwickelt einen Sog und eine Frische, die im warmen Sägewerk für einen erfrischenden Durchzug in den Ohren sorgt.
 
Jazzstandards in Stücke von Rossini oder Puccini geschickt einzubauen und mit den klassischen Noten verschmelzen zu lassen, auch das ist eine feine Idee. Jedenfalls, wenn man sie so gewitzt umsetzt wie das italienische Duo Danilo Rea und Flavio Boltro. Der Pianist und der Trompeter verwöhnten die Zuhörer mit ihrem Programm „Opera“ und geschickten Weiterentwicklungen bekannter Melodien. Lyrisch, zärtlich, aber auch mit Biss und Spielwitz. Den bewies auch Simon Frick. Der österreichische Geiger ist ein großer Hardrock- und Metalfan. Was er bei seinem Soloauftritt mit eigenwilligen Coverversionen in der einzigartigen Atmosphäre des direkt am brodelnden Wasserfall gelegenen Alten Kraftwerks von Bad Gastein unter Beweis stellte. Frick frickelte auch ordentlich herum auf seiner E-Geige, sampelte Beats und stakkatoartige Rhythmusfolgen und unterlegte sie dann als Loops auf die weiter live gespielte Musik. Das zündete mitunter furios, war auf Konzertdauer dann aber doch auch ein wenig limitiert. Auch wenn der Vorarlberger zwischendurch auch akustische Nummern ohne technische Bearbeitung einstreute.
 
Eingängiger präsentierte sich da Sänger Steven Santoro, der mal als Steven Kowalczyk seine inzwischen schon recht lange Karriere startete. Die Europa-Premiere seines neuen Quartetts mit dem in New York lebenden österreichischen Pianisten Walter Fischbacher bot feinen Mainstream Jazz mit einigen Standard-Songs, aber auch einer ganzen Reihe eigener, hörenswerter Stücke Santoros. Der legt mit seiner angenehmen, warmen Stimme auf gefühlvolle und elegante Interpretationen, auf Musik mit viel Seele. Die große Show ist sein Ding nicht. Santoro überzeugt einfach musikalisch auf ganzer Linie - und konnte damit beim Publikum im vollbesetzten Sägewerk in Bad Hofgastein, dem Haupt-Spielort des Festivals, mächtig punkten.
 
Das taten auch „A Novel Of Anomaly“, ein ziemlich extrovertiertes, hoch unterhaltsames Quartett, mit den beiden Schweizern, Sänger Andreas Schaerer und Schlagzeuger Lucas Niggli, dem italienischen Akkordeonisten Luciano Biondini sowie dem finnischen Gitarristen Kalle Kalima, und ihrer Musik voller Lebenslust, mediterranem Duft und völlig befreit von einengenden Klammern. Die gab es bei „Shake Stew“ ebenfalls nicht. Das Großprojekt des Klagenfurter Bassisten Lukas Kranzelbinder, besetzt mit drei Bläsern, zwei Schlagzeugern und zwei Bassisten, bot einen aufregenden, spirituellen, (afro-)jazzigen musikalischen Roadtrip mit vielen Freiheiten und überraschenden Abbiegungen. Und der Festivalabschluss mit einem ideenreichen, von Bildern inspirierten Solokonzert der US-Pianistin Myra Melford und anschließendem, köstlichen Jazzbrunch im Design-Hotel Miramonte in Bad Gastein war wie in jedem Jahr wieder ein sehr gelungener.
 
Text : Christoph Giese; Fotos: Josef Maier

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Konzert Theo Bleckmann „Elegy“  im „domicil“ in Dortmund

Theo Bleckmann - voc
Shai Maestro - piano
Joerge Roeder - bass
John Hollenbeck – drums
Ben Monder - git
 
Emotionen möchte er auf seine Stimme eigentlich keine legen, erzählte Theo Bleckmann kürzlich in einem Interview. Aber kann eine Stimme neutral klingen? Theo Bleckmann jedenfalls klingt bei der Deutschlandpremiere seines neuen Programms „Elegy“ wie – Theo Bleckmann. Und das ist gut so.
 
Denn der in Dortmund geborene, aber seit Ende der 1980er Jahre schon in New York lebende Sänger und Vokalkünstler ist einfach anders als viele Jazzsänger. Das ist auch im Jazzclub „domicil“ gleich zu spüren.
 
Im Januar erschien sein feines Album „Elegy“, sein erstes als Leader beim renommierten Münchener Plattenlabel ECM. Die Songs dieser Platte hat Theo Bleckmann bis auf eine Ausnahme alle selbst komponiert. Es sind Lieder, die sich mit dem Thema Tod befassen.
 
So klingen die Stücke in Dortmund auch. Elegisch eben, klagevoll vielleicht, verzweifelt nie. Und sie werden getragen von einer exquisiten Band, die von der CD. Pianist Shai Maestro, Gitarrist Ben Monder, Bassist Chris Tordini und Schlagzeuger John Hollenbeck skizzieren den oft wortlosen, engelhaften Gesang mit atmosphärischem Gruppenklang, aus dem ein Solist lediglich sporadisch hervortritt. Dann aber kann es auch mal richtig rockig werden.
 
Vielleicht sollte Bleckmann sein insgesamt verzauberndes, sehr poetisches Konzertprogramm noch ein wenig mehr durchmischen, nicht zunächst nur Musik mit wortlosem Gesang aneinanderreihen. Am Ende jedenfalls wird es in Dortmund gar poppig, mit Text. Da ist der Tod dann schon ein Stück weit beiseite geschoben.
 
Weiterer Termin: 20.3.: Köln, Stadtgarten

Text: Christoph Giese & Fotos: Kurt Rade

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Konzert Bohren & der Club of Gore
 
Draußen zucken kurz einmal die Blitze. Es gießt in Strömen. Also schnell rein in die ziemlich volle Christuskirche in der Bochumer Innenstadt. Und erst einmal schön entschleunigen.
 
Aus den Boxen kommt Donnergrollen, als die Musiker die Bühne betreten. Viel sieht man davon allerdings nicht, denn wie immer ist es bei einem der raren Konzerte von „Bohren & der Club Of Gore“ ziemlich düster. Nur kleine Halogenpunktstrahler über den Köpfen der Musiker werfen ein wenig Licht ab.
 
Die Köln-Mülheimer Band inszeniert sich eben gerne ein bisschen gruselig. Düster und dunkel ist auch ihr Sound. Der schleppt sich regelrecht dahin. Ein paar Akkorde vom Fender Rhodes E-Piano oder ein wenig Vibrafon, einzelne Basstöne. Knochentrockene, einzelne Drumbeats.
 
Zwischendurch ein paar allerdings nur wenig erhellende Töne vom Saxofon. Natürlich auch in Zeitlupe. Mindestens. „Bohren“ haben mit dieser Art Musik zu machen Kultstatus erlangt. Die Konzerte sind voll, auch wenn wenig passiert.
 
Oder eben, weil wenig passiert. Weil diese Band so anders, so minimalistisch ist. Dazu passt, dass der Drummer schon nicht mehr dabei ist, aus dem Quartett ein Trio wurde. Eine elektrisch angetriebene, selbstdrehende Snare Drum anstelle eines Menschen hinter der Schießbude. Und zwischendurch bringt Bassist Robin Rodenberg per Fußpedal ein Schlagzeugbecken zum Schwingen.
 
Nach 90 düsteren Minuten ist die morbide Endzeitstimmung vorüber. Fast. Denn jetzt spielen „Bohren“ ihre zwei zuvor schon großzügig angekündigten Zugaben. Und es sind diese beiden Nummern ganz am Schluss, die am meisten die Struktur eines Songs aufweisen. So, als wolle die Band das Publikum so ganz langsam wieder an das normale Tempo des normalen Lebens gewöhnen.  
 
Weiterer Termin: 29.3. Köln, Kulturkirche
 
Text: Christoph Giese

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Interview mit Mariza geführt von Christoph Giese
 
Sie ist die berühmteste lebende Fado-Sängerin - und die weltweit bekannteste und erfolgreichste Künstlerin des portugiesischen Blues. Nach fünfjähriger Pause veröffentlichte Mariza im Oktober 2015 mit „Mundo“ ihr letztes, immer noch aktuelles Album. Am 17.  April ist Mariza live in der altehrwürdigen Essener Lichtburg zu erleben.
 
Frage: Warum singst du Fado?
 
Mariza: Weil ich schon mit fünf Jahren angefangen habe, ihn zu singen. Der Fado ist eine Lebensform. Das Wort Fado bedeutet doch Bestimmung und meine Bestimmung ist es eben, Fado zu singen.
 
Frage: Du bist in Mozambique geboren und in Lissabon aufgewachsen. Wenn du etwa in Porto deine Kindheit und Jugend verbracht hättest, würdest du dann auch Fado singen? Ist die Stadt, in der du aufgewachsen bist, also wichtig?
 
Mariza: Das Viertel, in dem ich aufwuchs, war wichtig. In bin in Mouraria aufgewachsen, einem typischen Viertel, in dem du dem Fado an jeder Ecke und auf jeder Straße begegnest. Man lebte und atmete dort den Fado ein. Und noch immer lebt und atmet man den Fado in diesem Viertel. Man konnte und kann dem Fado dort gar nicht entkommen.
 
Frage: Warum hast du eine so lange Pause gemacht?                      
 
Mariza: Ich bin Mutter geworden. Und da habe ich mich natürlich gefragt, ob es richtig sein kann, eine so kleine Person daheim zu lassen und alleine umherzureisen.
 
Frage: „Mundo“ ist die zweite Zusammenarbeit mit dem spanischen Starproduzenten Javier Limón, der eine sehr offene Sichtweise auf den Fado hat. Was schätzt du an ihm besonders?
 
Mariza: Zwischen uns ist einfach ein riesengroßes musikalisches Verständnis. Er kennt meine Stimme und weiß ganz genau, was ich mag.
 
Frage: Deine neue CD transportiert den Fado einmal mehr hinaus in die Welt. Du singst ein Stück auf Spanisch, ein anderes in kapverdischem Kreol. Und es ist auch die Nähe zur Popmusik zu spüren.      
 
Mariza: Fado ist die erste Passion meines Lebens. Es ist die Musikrichtung, die mich als Mensch am besten ausdrückt. Meine Eltern hatten eine Kneipe und da habe ich früh Fado gehört und auch gesungen. Aber nur traditionellen Fado zu singen, was ich ja auch mache und mag, entspräche jedoch nicht ganz meiner Persönlichkeit und meinen anderen Vorlieben. „Mundo“ ist trotz der Vielseitigkeit für mich aber ein ganz intimes Album. Weil es das erste ist, für das Komponisten und Texter speziell Lieder für mich und meine Stimme geschrieben haben.
 
Frage: Und wie reagieren Kritiker auf deine Musik? Vor allem die Traditionalisten?

Mariza: Wenn es notwendig ist, traditionell zu singen, singe ich traditionell. Ich weiß perfekt, wie das geht. Denn ich gehe nach wie vor noch in die Fado-Tavernen, um dort zu singen. Aber ich mache auch meine eigene Musik, mit meiner eigenen Persönlichkeit. Ich habe da keine Probleme mit den sogenannten Puristen. Wäre der Tango wohl weltweit so populär geworden ohne einen Erneuerer wie Astor Piazzolla? Oder noch früher: ohne einen Carlos Gardel? Diese Leute haben doch viele erst neugierig gemacht auf die Geschichte des Tango.      
 
Frage: Du hast deine erste Platte erst mit 26 Jahren aufgenommen, obwohl du schon viel länger singst. Wieso hat es so lange gedauert?
 
Mariza: Ich wollte nie Platten aufnehmen, das war nie mein Traum. Um es kurz zu sagen: Es ist dann einfach passiert, auf einem holländischen Label. Interessant ist, dass es damals in Portugal niemanden gab, der Geld hatte, um es für den Fado auszugeben. Nach sechs Monaten und viel Druck des holländischen Labels habe ich dann eingewilligt eine Platte zu machen. In Portugal haben alle Label mir gesagt, dass sich Fado nicht verkaufe, nicht lukrativ genug sei. Und dann habe ich von meiner ersten Platte 140.000 Stück nur in Portugal verkauft. Heute gibt es in Portugal nicht ein Label, das keinen Fadosänger unter Vertrag hat. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Ich auf jeden Fall finde diese Tatsache sehr gut, weil die Leute einfach gemerkt haben, dass der Fado wichtig ist, dass der Fado die Kultur eines Volkes repräsentiert. Er wird in portugiesischer Sprache gesungen und es werden die Texte von den wichtigsten portugiesischen Poeten gesungen. Es macht mich deshalb auch Stolz, um die Welt zu reisen, um die Kultur dieses Volkes zu repräsentieren.    
 
Frage: Seit 2011 ist der Fado immaterielles Kulturerbe der UNESCO. Du warst, neben deinem berühmten Kollegen Carlos do Carmo, Botschafterin für die Bewerbung. Was hat sich seitdem in der Wahrnehmung geändert?
 
Mariza: Die Aufnahme bei der UNESCO war für uns ein großer Sieg. Seitdem wird dem Fado in Portugal viel mehr Respekt entgegengebracht. Die Leute haben verstanden, dass wir Portugiesen diese unsere Musik pflegen, studieren, liebkosen und konservieren müssen.      
 
Termin: 17.04.: Essen, Lichtburg    CD: Mariza „Mundo“ (Warner)
 
Text: Christoph Giese

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Konzert Hammer+3 in der „Werkstatt“ in Gelsenkirchen-Buer

Kioomars Musayyebi – Santur
Nils Imhorst – Kontrabass
Erfan Pejhanfar – Tombak
Christian Hammer - Gitarre
 
Eine Menge Mikrofonständer und Kabel bestimmen das Bühnenbild in der kleinen Galerie. Längst ist „Hammer+3“, die monatliche Konzertreihe von Christian Hammer in der „werkstatt“, mehr als nur ein loses Zusammentreffen von Musikern, die der Gelsenkirchener Jazzgitarrist nach Buer einlädt.
 
Es haben sich echte Gruppen herauskristallisiert. So wie aus dem Projekt mit dem iranischen Santurspieler Kioomars Musayyebi. Zum dritten Mal nun war der Iraner mit der persischen Variante des Hackbretts zu Gast. Und dieses Mal wurde live mitgeschnitten, bevor man bald zu CD-Aufnahmen ins Tonstudio geht.  
 
Spannend ist diese sehr virtuose Musik. Die Kompositionen von Kioomars Musayyebi sind gefühlvolle orientalische Weltmusik, die sich wohlig ins Ohr einnistet. Und ein Stück wie „Sehnsucht“ mit seiner leichtfüßigen, tänzelnden Melodie  rührt auch sofort das Herz, aber ohne jeglichen Kitschfaktor!
 
Spannend auch die Gespräche der Santur mit der Stromgitarre von Christian Hammer, der die Themen aufnimmt, sie umspielt und weiterführt. Erfan Pejhanfar auf der Bechertrommel Tombak und Nils Imhorst auf dem Kontrabass kreieren dazu mit faszinierenden rhythmischen Einlagen und Ideen den Rahmen für die beiden Hauptsolisten.
 
Persische Musik begegnet hier Jazz. Und das so selbstverständlich, dass man bei diesem Quartett über Genregrenzen gar nicht groß nachdenken möchte.
 
Text und Fotos: Christoph Giese

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„Malia“ im „domicil“ in Dortmund

Malia – voc
Edwin Sanz – drums
Alex Wilson – piano
Dimitri Christopoulus - bass
 
Ihre Brustkrebserkrankung, die bereits zum wiederholten Mal bei ihr diagnostiziert wurde, lächelt Malia im „domicil“ einfach weg, nachdem sie davon erzählt hat. So als wolle sie sagen: Was soll ich machen, das gehört wohl zu mir. Das Leben ist trotzdem schön.
 
Und genau das vermittelt die Sängerin aus dem ostafrikanischen Malawi im bestens besuchten Jazzclub. Im ihrem Programm des Abends befinden sich etliche bekannte Stücke anderer Komponisten, denen Malia eine neue, eigene Note einhaucht mit ihrer rauchigen, zugleich aber auch sanften Stimme.    
 
Der alte 50er Jahre-Klassiker „Fever“ etwa schaut hier als coole, von Dub Reggae beeinflusste Nummer um die Ecke. Jay Hawkins´ „I Put A Spell On You“ ist an souliger Eindringlichkeit nur schwerlich zu überbieten. Und der eigentlich schwermütige, traditionelle Negro Spiritual „Motherless Child“ erstrahlt bei Malia ungeheuer positiv.
 
Ob „Moon River“ als schleppende, soulige Nummer mit Congas oder die fröhlich tänzelnden oder auch mal ein wenig nachdenklich gestalteten, afrikanisch gefärbten  Nummern von ihrem neuen Album „Malawi Blues/Njira“  - Malia und ihr vorzügliches Trio um den Pianisten Alex Wilson betörten das Dortmunder Publikum, auch mit aufregenden jazzigen Momenten.
 
Weiterer Termin von Malia:  26.01.: Hot Jazz Club, Münster
 
Text & Fotos: Christoph Giese

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26. Internationales Jazzfestival Münster
 
Fritz Schmücker hat ein Händchen für geschicktes Programmieren seines Festivals. Daniel Zamir und seine Band als Rausschmeißer am Sonntagabend ganz am Ende zu platzieren – genial! Damit war dem Künstlerischen Leiter des Internationalen Jazzfestivals Münster ein weiterer kluger Schachzug gelungen.
 
Denn der israelische Saxofonist und sein Quartett schickten ein völlig begeistertes Publikum mit viel positivem Lebensgefühl und von Herzen kommenden Friedensbotschaften nach draußen in die kühle Winternacht. Zamirs rasanter Jewish Jazz verknüpft Klezmer mit sanglicher Folklore, beseelten Melodien und ausgelassenen, jazzigen Improvisationen zu einer packenden Mischung, der man sich im großen, vollbesetzten Theatersaal nur schwerlich entziehen konnte.   
 
Drei Schlagzeugerinnen mit ihren Bands gab es an den drei langen Festivaltagen im Theater Münster zu hören. Die aus Werl stammende WestfalenJazz-Preisträgerin Eva Klesse und ihr Quartett überzeugten mit großer Ausgewogenheit und subtilem Spiel. Aufregender klangen allerdings US-Drummerin Allison Miller und ihre sechsköpfige Band „Boom Tic Boom“ mit ihrem Mix aus inbrünstigen Klezmerklängen, Folkanleihen und Avantgarde-Jazz. Wie kleine Suiten wirkten ihre langen Stücke. Und mit einem gehörigen Schuss Popappeal trommelte sich die Französin Anne Paceo durch ihre stets sehr lebendige Musik, die auch mal nach HipHop oder Folklore aus Myanmar klingen durfte.
 
Der junge portugiesische Knopfakkordeonist João Barradas lässt viele, auch mediterrane Einflüsse in seiner Musik zu, sein Trio konnte in Münster aber trotzdem nur stellenweise richtig in den Bann ziehen. Dagegen ließen die beiden Franzosen, Pianist Jacky Terrasson und Trompeter Stéphane Belmondo, sowie der marokkanische Guembri- und Oudspieler Majid Bekkas in einer wunderbaren Begegnung die Welt des Jazz auf den Maghreb treffen.
 
Eine Entdeckung, wie so manches mehr des wiederum mit einigen Deutschland- und gar Europapremieren aufwartenden Münsteraner Jazzfestivals, dessen Besuch auch in diesem Jahr zu einer spannenden musikalischen Abenteuerreise wurde.   
 
www.jazzfestival-muenster.de       Text & Fotos: Christoph Giese

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We Jazz, Helsinki
 
Man hat es irgendwie schon geahnt. Vor allem der Beginn des Konzertes  des schwedischen Saxofonisten Otis Sandsjö und seinen beiden finnischen Freunden, Tastenmann Aki Rissanen und Schlagwerker Tomi Leppänen, ist doch eine einzige Klangsuche. Und auch eine Suche nach einem gemeinsamen Strang, an dem entlang sich improvisieren und ausprobieren lässt. Die kleine Kaffeebar Sävy ist knallvoll mit interessierten Zuhörern bei dieser Suche, die im Verlaufe des gut einstündigen, durchgehend gespielten Sets glücklicherweise doch einige spannende Momente bereit hielt. Mit dem stoischen Motoriker Leppänen, mit gesampelten Drumbeats sowie Soundspielereien von Aki Rissanen, mit den dank Zirkularatmung nie enden wollenen Saxofongirlanden des Bandleaders. Es war der allererste Auftritt der drei und abgesprochen war zuvor nichts, versicherte später Aki Rissanen dem Autor dieser Zeilen. Und eben das hatte man geahnt.
 
Aber so ein Konzert passt prima in das Konzept von „We Jazz“. Denn dieses erfrischende Festival probiert einfach vieles aus. Etwa Konzerte in eigentlich zu kleinen Locations wie dem Sävy oder dem Genelic House, eigentlich die Büroräume einer Lautsprecherfirma. Intimität, nah dran sein, hautnah die Musik spüren, das ist den Festivalmachern um Matti Nives wichtiger als mehr Tickets verkaufen zu können. Finanziell ein kleiner Wahnsinn, konzeptionell eine mutige und überzeugte Haltung.  
 
Auch ein ehemaliges Irrenhaus war dieses Jahr ein Spielort des Festivals. Irre waren teils vor allem die Installationen, die zwischen den Konzerten in kleinen Räumen stattfanden. Eine kleine Kunstgalerie stellte mit „OK:KO“ eine junge finnische Band um den Schlagzeuger Okko Saastamoinen vor, die ihr Potenzial auf jeden Fall andeutete. Und in einem schicken, top ausgestatteten neuen Liveclub durften „Oddarrang“ ihren dramatischen, pompösen postrockjazzigen Sound in aller Ruhe und klanglich top aufbereitet ausbreiten.
 
Ein feines Konzert lieferten die drei Norweger von „Huntsville“ ab, die mit ihren experimentellen und hypnotischen Soundmanipulationen und langsam aufbauenden Klangwelten immer eine ganz eigene Stimmung zu kreieren verstehen. Direkt danach die Finnen von „Dalindèo“ auf die gleiche Bühne zu stellen war ein interessanter Kontrast. Denn das Sextett um den Leader und Gitarristen Valtteri Laurell Pöyhönen drehte die zuvor geschaffene Atmosphäre mit Surf-Gitarre und schwungvollem, bisweilen cineastischen Swing in ein durchgängiges Gute Laune-Partyfeeling. Spielwitz bewiesen auch „Mikko Innanen 10+“. Dieses Orchester des Saxofonisten mit gleich zwei Bassisten und zwei Schlagzeugern und illustren Namen des finnischen Jazz besetzt, verstand es im Andorra-Theater glänzend ausgefallene Improvisierkunst mit Augenzwinkern und Humor zu kombinieren.
 
Es ist diese Vielfalt, in jeglicher Hinsicht, mit einer starken Berücksichtigung der finnischen Jazzszene, die „We Jazz“ ausmacht. Auch im vierten Jahr.
 

Text: Christoph Giese
Fotos: We Jazz

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Trans4JAZZ  Ravensburg 2016

Natürlich packte Klaus Doldinger seine ganz bekannten Nummern am Schluss eines fast dreistündigen Abends auch noch aus. Die Titelmelodie vom „Tatort“, taufrisch gespielt und erweitert durch ein minutenlanges, furioses Solo seiner insgesamt drei Trommler. Oder „Das Boot“, vom gleichnamigen Erfolgsfilm. Das Publikum im ausverkauften, wunderschönen Konzerthaus von Ravensburg hatte der 80-Jährige da sowieso schon längst um den Finger gewickelt mit seiner kraftvollen Fusionmusik und seinen Streifzug durch die lange Bandgeschichte. Dass Gastsänger Uwe Ochsenknecht für nur zwei Stücke auf die Bühne kam und danach auch nicht weiter vermisst wurde, zeigt, wie gut die Marke Doldinger und Passport ganz allein für sich noch immer funktioniert. Diese gut eingeölte Truppe spazierte souverän durch die Stile und unterhielt damit auf höchstem Niveau.
 
Ausverkauft, das galt für fast alle Konzerte der 13. Ausgabe von „Trans4JAZZ“. Das Festival boomt. Denn die Macher vom Verein Jazztime um Thomas Fuchs stellen jedes Mal ein buntes, abwechslungsreiches Programm zusammen, das eben immer mehr Leute anspricht. So war das historische Konzerthaus auch beim Festivalauftakt mit US-Sängerin Lizz Wright bestens gefüllt. Und wer kam, wurde verwöhnt von einem stimmungsvollen, spirituellen, fein aufgebauten, pausenlosen Set mit vielen balladesken Momenten zwischen Gospel, Soul, Folk und Jazz, denen Tastenmann Bobby Sparks immer wieder mit herrlich fauchenden Orgelklängen begegnete. Musik mit Tiefgang und Seele.
 
Als Zugabe ein wenig Jazz. Da zeigen Christian Scott und sein famoses Quintett in Herbie Hancocks „The Eye Of the Hurricane“, dass sie auch lupenreine Jazzmusik perfekt drauf haben. Denn zuvor servierte der Pustefix aus New Orleans seine „Stretch Music“. So nennt Scott sein hoch energetisches Gebräu aus flirrenden Bläser-Improvisationen, raffinierten Klavierakkorden und treibenden Schlagzeugbeats mit stakkatoartigen Gegenschlägen, auch in der elektronischen Variante. Im atmosphärischen Kulturzentrum Linse in Ravensburgs Nachbarstadt Weingarten entstand ein durchweg unglaublich dichtes, aufregendes Konzert. Die Zukunft des Jazz, sie klingt schon in der Gegenwart des Christian Scott mehr als vielversprechend.
 
Jedes einzelne Konzert bei „Trans4JAZZ“ war ein Höhepunkt für sich: Die Matinee bei freiem Eintritt mit der polnischen, in Berlin lebenden Sängerin Natalia Mateo, die mit slawisch inspirierten Liedern und wahnwitzigen Coverversionen von Pop-Hit oder Kinderlied ziemlich betörte. Die fröhliche Party mit den alten Hits der Brit-Funk-Legenden „Level 42“, die, verstärkt durch eine dreiköpfige Blaserfraktion, immer wieder über die Bühne tänzelten. Und cooler und knackiger als Mark King spielt noch immer kaum jemand E-Bass! Der Sonntagmorgen im imposanten Festsaal im Kloster Weissenau mit dem Dieter Ilg Trio und seinem grandios umgesetzten Programm „Mein Beethoven“. Oder der funkige Jazzrock von US-Saxer Bill Evans als Schlusspunkt von fünf spannenden Tagen. Dass inzwischen Zuhörer von weit anreisen, um dabei zu sein, verwundert spätestens nach dieser Festivalausgabe nicht mehr.  
 
Text : Christoph Giese; Fotos: Hans Bürkle

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Till Brönner, Konzerthaus Dortmund

Er ist zweifellos der Popstar unter den deutschen Jazzmusikern. Man kennt ihn halt von irgendwo. Denn Till Brönner hat Galas moderiert, trat als Juror in der Castingshow „X Factor“ im Fernsehen auf, hat die Knef produziert und selbst Musik gemacht mit Kuschelpop oder Bossa Nova. Und beim International Jazz Day 2016 durfte der gebürtige Viersener sogar im Weißen Haus vor Barack Obama an der Seite zahlreicher Jazzlegenden musizieren.
 
Seine neue CD und die am Sonntagabend in Dortmund gestartete Deutschlandtour hat Till Brönner  „The Good Life“ genannt. So heißt auch ein alter Jazzklassiker. Auf dem Album finden sich eine ganze Reihe davon.
 
Auch im ausverkauften Konzerthaus spielt Brönner zahlreiche Lieder aus dem Great American Songbook. Aber  eben auch Songs wie Billy Joels „Just the way you are“. Aus der berühmten Softrock-Ballade wird hier Jazz, mit einem feurigen Duell vom Bandleader auf dem Flügelhorn mit Mark Wyand auf dem Tenorsaxofon.
 
Seiner sechsköpfigen Band mit gleich zwei Keyboardern gibt Brönner ganz uneitel genügend Raum um selbst zu strahlen. Überhaupt ist es der Bandsound, der bei diesem Konzert am meisten beeindruckt.
 
Denn Till Brönner hat sein aktuelles Konzert-Konzept weit offen gehalten. Eine flotte Samba von Toninho Horta erklingt ebenso wie Reminiszensen an opulenten, von Soul und Funk beeinflusstem elektrischen Jazz der 1970er Jahre - mit Streichern, Fender Rhodes E-Piano, Wah Wah-Gitarre oder Orgelklängen.
 
So eine Vielfalt, perfekt produziert und gespielt, gefällt Till Brönner. Der hält sich dieses Mal als Sänger übrigens meist zurück und glänzt lieber als Instrumentalist. Gut so, mag man sagen. Brönners Stärken sind nämlich sicher bei seinem Trompetenspiel, die seinen doch eher blassen Gesang bei weitem übertreffen.  
 
Weitere Termine:
09.11.16.: Wuppertal, Historische Stadthalle
30.11.16.: Köln, Philharmonie
20.03.17.: Köln, Philharmonie
 
Text & Fotos: Christoph Giese

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Musikstadt Salzburg

Horst Hofer genießt spürbar seinen kleinen Sonntagsjob. Erst einmal dauert er nur 15 Minuten, von viertel vor zwölf bis genau zwölf. Und dann diese Aussicht. Hoch oben auf dem Turm der Festung Hohensalzburg steht er mit seiner Trompete und einem weiteren Kollegen und bläst 15 Minuten lang runter in die Stadt. Und ja, man könne das im Zentrum von Salzburg schon hören, wenn sie da von oben vom Turm herunter blasen, versichert Hofer. Alte Barockmusik etwa oder einen Marsch. Die Turmbläser von Salzburg sind seit April dieses Jahres, anlässlich der 200-Jährigen Zugehörigkeit von Salzburg zu Österreich jeden Sonntag zu hören, bei Wind und Wetter.
 
Salzburg, bei dieser Stadt denkt man natürlich unweigerlich an dessen berühmtesten Sohn Mozart. Der ist überall in Salzburg präsent, nicht zuletzt auf den Mozartkugeln, die es an jeder Ecke zu kaufen gibt. Und dann gibt es ja die seit 1920 in jedem Sommer stattfindenden Salzburger Festspiele, das weltweit bedeutendste Festival klassischer Musik und darstellender Kunst.
 
Aber es gibt eben noch so viel mehr zu sehen und vor allem zu hören. Ein Bummel durch den wunderschönen Garten des 1606 erbauten Schlosses Mirabell und schon findet man in einem kleinen Ständer einen Programmflyer für mehrfach in der Woche stattfindende Konzerte im Marmorsaal des Schlosses. Natürlich steht auch Mozart auf dem Programm.
 
Dann ist da als weiteres Beispiel das Festival „Jazz & The City“. Fünf Tage lang waren für jedermann Gratis-Konzerte erlebbar in Theatern, Clubs, Cafés und Sälen der Stadt, aber auch in kleinen Galerien oder einem winzigen Schmuckladen. Mit Stars wie dem US-Gitarristen Bill Frisell und seiner Band oder auch Solokonzerten wie dem der Berliner Sängerin Céline Rudolph. Man möchte Räume für die Salzburger neu erzählen, ist eine der Ideen dieser Vielfalt der neuen Intendantin des Jazzfestivals, der deutschen Tina Heine. Die kam aus Hamburg an die Salzach, hatte in der Hansestadt zuvor das Elbjazz-Festival aus der Taufe gehoben und etabliert. In Salzburg gab es jetzt 118 Konzerte in 50 Locations. Trotzdem lief man durch die Stadt ohne zu spüren, dass gerade solch eine riesige Auswahl an Jazzmusik im Angebot war. Das Festival kann sicher noch intensiver beworben werden. Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass musikalisch so viel los ist in Salzburg. Wenn schon von der Festung die Trompeten erklingen.
 

Text: Christoph Giese; Fotos: Tourismus Salzburg GmbH, Nina Genböck

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Konzert Sebastian Gahler Trio feat. Wolfgang Engstfeld auf Consol für GeJazzt
 
Einen Till Brönner der Tasten hat ein Kritiker vor einigen Jahren den Düsseldorfer mal genannt. Und damit wohl einfach seine hohe Wertschätzung für Sebastian Gahler zum Ausdruck bringen wollen. Großes Lob jedenfalls hat sich der Pianist längst verdient. Das zeigte auch sein Konzert auf Einladung der Initiative „GEjazzt“ in der Kellerbar des Consol Theaters.  
 
Sebastian Gahler ist keiner dieser jungen wilden Tastenlöwen, die mit rasenden Läufen imponieren wollen. Eher verwöhnen der Pianist und sein Trio mit feinfühligen, swingenden, selbstgeschriebenen Nummern. Stücken Musik, bei denen man sich zurücklehnen und genießen kann, ohne dabei auch nur einen Moment lang eingelullt zu werden.

Dafür sorgen schon diese starken Melodien, denen man als Zuhörer einfach Aufmerksamkeit schenken muss. Und dafür sorgt das Zusammenspiel von Gahler mit Schlagzeuger René Marx und dem Kontrabassisten Matthias Nowak, der den etatmäßigen Mann am Tieftöner sehr gut vertritt.    
 
Und dann ist auf Consol da noch der sowohl national als auch international renommierte Saxofon-Veteran Wolfgang Engstfeld, ebenfalls aus Düsseldorf, mit dem das Trio in diesem Frühjahr die gemeinsame Klasse-CD „Down The Street“ herausgebracht hat.
 
Mit seinem kräftigen Ton auf dem Tenorsaxofon, den er in Balladen auch mal sanft und mit viel Luft geblasen erklingen lässt, prägt Wolfgang Engstfeld diesen Abend entscheidend mit, übernimmt er doch häufig das Themenspiel und lockt die anderen Jungs auch mal zu einem Ausflug in boppige Gefilde.
 
Viel Applaus am Ende für ein starkes Konzert von vier beeindruckenden Jazzkünstlern.
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Kurt Rade

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Jazzfestival Leibnitz
 
Sein feiner Untertitel springt einem nicht unbedingt gleich ins Auge. Aber er ist dieser Veranstaltung schon wichtig. Schließlich ist die Südsteiermark nicht nur Heimat von köstlichen Kürbiskernen in allen Variationen und Verarbeitungen, sondern es wird auch hervorragender Wein angebaut in der Region. Europas höchstgelegener Weinbauort liegt nur wenige Kilometer entfernt von Leibnitz. Kein Wunder also, dass „Jazz & Wine“ so wunderbar zum „Jazzfestival Leibnitz“ passt. Und das nicht nur im Titel des viertägigen Events, sondern auch mit Weinverkostungen der regionalen Weinproduzenten vor den Konzerten. Von denen gibt es an den ersten drei Festivalabenden angenehme zwei pro Abend. Der künstlerische Leiter Otmar Klammer, der nun im vierten Jahr das in Leibnitz runderneuert gestaltete Festival programmatisch gestalten darf, tut das mit viel Fingerspitzengefühl, auch für die unterschiedlichen Spielstätten.
 
Denn wie genial passt das seit gut zweieinhalb Jahren zusammenspielende Duo Chico Freeman und Heiri Känzig in den über 300 Jahre alten Bischöflichen Weinkeller des oberhalb von Leibnitz gelegenen, imposanten Schlosses Seggau! Der Saxofonist aus Chicago und der Schweizer Bassist, sie funken am Eröffnungsabend wunderbar auf einer Wellenlänge. In langen Stücken nehmen sie sich viel Zeit und Raum, unglaublich gefühlvoll Klänge, Linien und Rhythmen miteinander zu verzahnen. Wie sanft und berührend Avantgarde-Veteran Freeman ins Tenorsax zu blasen versteht und dabei immer geschickt aufgefangen wird von Känzigs leichtfüßigem Kontrabass-Spiel. Intim und vertraut, lieber eine Spur zurückhaltend als sich in den Vordergrund zu schieben – dieses Duo setzte Maßstäbe, was Musikmachen in Zweisamkeit angeht!
 
Dagegen ist die laute Fusion des „Fabulous Austrian Trio“, kurz „FAT“, am nächsten Abend im Kulturzentrum Leibnitz naturgemäß nicht so fein gestrickt. Setzt der  Dreier um Gitarrist Alex Machacek doch auf ein unermüdlich antreibendes Schlagzeug, auf Groove und Biss und vertrackte Momente. Spielwitz haben die drei Österreicher, noch mehr jedoch packen direkt im Anschluss „The Bad Plus“, die mit einer Mischung aus eigenen Songs und Coverversionen aufwarten. Pianist Ethan Iverson, Bassist Reid Anderson und Drummer Dave King sind Könige der Verwandlung. Wie sie Kraftwerks Roboter stolpern lassen, ohne dass diese jedoch jemals umfallen oder wie sie andererseits Barry Manilows „Mandy“ ihre Schnulzigkeit in gewissen Augenblicken lassen, den Song dennoch nach typischer Bad Plus-Manier herrlich schräg umkonstruieren, das verzückt.
 
Noch ein Trio mit großem Musikspaß – Tia Fuller kam zwar auf High Heels, aber nicht wie ursprünglich geplant mit reiner Frauenband (Linda Oh und Terri Lyne Carrington), sondern mit zwei ein wenig biederen Herren an Bass und Schlagzeug nach Leibnitz. Aber das machte nichts. Ihr schneidender Altsax-Ton kann zugleich weich klingen und äußerst flexibel. Jede Tour de Force geht sie geschmeidig mit. Bebop, Blues, Gospelanklang, aber auch süffiger Souljazz, immer strahlte das Spiel der Amerikanerin in Leibnitz hell.
 
Dass der Jazzbrunch mit Mainstream-Chanteuse Vanessa Rubin am Abschlusstag draußen vor einem wundervollen Weingartenhotel auf dem Berg bei strahlendem Sonnenschein und warmen Temperaturen stattfinden konnte, war das berühmte i-Tüpfelchen auf ein großartiges Festival, das zu Recht immer mehr Zuhörer anlockt. Die Reise nach Leibnitz lohnt sich, auch weil neben dem Jazz, dem Wein oder den Kürbiskernen der Besuch der nahegelegenen, wunderschönen Städte Maribor in Slowenien und natürlich Graz lockt.           
 
 
Text: Christoph Giese;  Fotos: Peter Purgar

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Konzert „Nancy Vieira“ in der Bleckkirche in Gelsenkirchen
 

Nancy Vieira – Gesang
 
Osvaldo Dias – Gitarre
 
Rolando Semedo – Bass-Gitarre
 
José António Soares – Gitarre, Cavaquinho
 
 
Vor dem Konzert der Reihe „Klangkosmos Weltmusik“ schnappt Bassgitarrist Rolando Semedo noch ein wenig frische Luft vor der Bleckkirche. Und betont bei einer spontanen, lockeren Plauderei noch einmal, wie wichtig doch Cesária Évora gewesen sei als weltweiter Türöffner für die kapverdische Musik und auch für die Musiker des afrikanischen Inselstaates.
 
 
Ja, die 2011 verstorbene, bekannteste Sängerin der Kapverden, die Königin der Morna, hat es erst möglich gemacht, dass weitere kapverdische Künstler erfolgreich durch die Welt touren können.  
 
 
Auch Nancy Vieira hat sich der Morna verschrieben, der eher langsamen, moll-lastigen Musikrichtung der Inseln. Elegant singt sie mit ihrer vollen Stimme bekannte Lieder, aber auch Kompositionen junger Autoren in der Bleckkirche, begleitet von Bassgitarre, Konzertgitarre und der so typisch klingenden Cavaquinho, einem kleinen Zupfinstrument, Vorläufer der hawaiischen Ukulele.
 
 
Das alles klingt sehr unaufgeregt, konzertant und verströmt dabei immer eine wunderbare Leichtigkeit und süßliche Melancholie. Vor allem Songs wie „Tristalegria“, mit seinen sehnsüchtigen Erinnerungen.
 
 
Längst sind die kapverdischen Inseln touristisch erschlossen. Mit schicken Hotelresorts, die sich auch mit „all inclusive“ buchen lassen. Nancy Vieira ermuntert zwischen zwei Stücken Musik das Gelsenkirchener Publikum jedoch mit Nachdruck, ihre Heimat doch mal mit Neugier auf das wahre Leben hinter der künstlichen Kulisse zu besuchen.
 
 
Sie selbst lebt seit vielen Jahren in Portugals Hauptstat Lissabon. Und vielleicht klingt auch deshalb ihre Zugabe „Sodade“, ein wehmütiges Lied aus den 1950ern über die Sehnsucht nach der Heimat, das schon Cesária Évora in ihrem Programm hatte, so sehr vom Herzen kommend.
 

Text und Fotos: Christoph Giese
 

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PUNKT Festival 2016
Kristiansand, Norwegen

Genau ein Dutzend Mal fand es bislang im südnorwegischen Kristiansand statt, das Punk-Festival. Und auch wenn es mit Blick auf die allererste Ausgabe gewachsen ist – „Punkt“ ist noch immer das intime, familiäre Musikfest geblieben, das es immer war. Trotz der wachsenden Popularität, auch international. Denn längst haben die beiden Macher Jan Bang und Erik Honoré ihr Konzept eines Festivals, das auf Live Remixen basiert, in die Welt getragen. Mit Gastspielen in vielen Städten Europas oder Asien oder wie zuletzt im Sommer erstmals auch bei der weltgrößten Jazzveranstaltung, dem Montreal Jazz Festival.

Jan Bang, der inzwischen an der Universität von Kristiansand das Fach Elektronische Musik lehrt, führt nun langsam die nächste, die junge Generation ans Festival heran. Bestes Beispiel war in diesem Jahr sein Schüler Simen Løvgren, der die Ehre hatte, den Remix des mit viel Spannung erwarteten Release-Konzertes von Tigran Hamasyan, Arve Henriksen, Eivind Aarset und Jan Bang zu gestalten. Gemeinsam haben diese vier Ausnahmemusiker für das Münchner ECM-Label das Doppel-Album „Atmosphères“ eingespielt, das auch live magische Momente hat. Die Folklore-Melodien des Armeniers Komitas Vardapet im Verbund mit Jazzimprovisationen und den elektronischen Spielereien und live gesampelten Klängen von Jan Bang ergeben eine betörende Mischung. Und Remixer Simen Løvgren schaffte es anschließend, in einem dröhnenden Schwall von Sounds kleine feine Partikel des Konzertes schlüssig einzubauen. Große Kunst von allen Beteiligten! Da wirkte der Auftritt von Bugge Wesseltofts „New Conception Of Jazz“ wie eine Reise zurück in 1970er Fusion-Zeiten. Vier junge Damen hat der so maßgeblich an der Verbreitung von Elektronik im Jazz beteiligte Wesseltoft aktuell um sich geschart. Und die Damen können auch gut spielen, aber das neue Konzept trotzdem nicht davor bewahren, irgendwie gestrig zu klingen.  
 
Dachte man im letzten Jahr mit dem Kino in Kristiansand endlich wieder einen festen Spielort für das Mutterschiff „Punkt“ gefunden zu haben, ging es dieses Mal wieder zurück in den Club „Kick“, da das Kino die Order erhielt, seine Säle doch lieber mit zahlungsfreudigen Cineasten und nicht mit Musikliebhabern zu füllen. Immerhin lief an zwei Tagen der wundervolle, weil so voller persönlicher Gedanken und Empfindungen steckende Film von Laurie Anderson, „Heart Of A Dog“, als Rahmenprogramm des Festivals in dem Filmtempel. Das passte, war Laurie Anderson doch 2014 selbst in Kristiansand, um bei Punkt zusammen mit Arve Henriksen aufzutreten.
 
Der norwegische Trompeter ist übrigens einer der Musiker, die bei allen zwölf  Festivalausgaben dabei waren und in diesem Jahr  gleich zwei Mal zu hören war. Auch in einem Remix. Und die drei Remixer des Konzertes des Erlend Apneseth Trios waren mit viel Überlegung zusammengestellt. Denn im Trio des fantastischen Hardanger Fiddle-Spielers Apneseth befinden sich ebenso zwei Saiteninstrumente wie auch beim Remix-Trio mit eben Arve Henriksen, Gitarrist Stian Westerhus und Lautenspieler Rolf Lislevand. Wo Apneseth eine herrlich nach norwegischer Folklore duftende, packende Musik spielte, wurden diese von Arve Henriksen und seinen beiden Mitstreitern gefühlvoll und mit geschickt eingesetzter Elektronik weiterverwoben. Ein Highlight sicherlich, was man vom anschließenden Auftritt des in Norwegen mit Preisen überhäuften Popduos „Band Of Gold“, das in Quartettstärke spielte, nicht sagen konnte. Die Musik: belanglos, ohne sonderlich griffige Melodien. Und auch die Stimme von Sängerin Nina Elisabeth Mortvedt blieb eher blass.
 
Es kann eben nicht immer alles bei einem Festival zünden. Wie erfrischend, weil ungewöhnlich anders war da der Remix des Duos Jon S. Lunde und Morten Liene vom Auftritt der norwegischen Pianistin Ingfrid Breie Nyhus am Eröffnungsabend des Festivals. Tanz, Bewegung, auch der Lautsprecher im Raum, und detailreiche Klangcollagen aus dem Computer mischten sich zu einer Performance, die erst gegen Ende konkret Bezug nahm auf das zuvor gehörte Klavierkonzert.
 
Text und Fotos: Christoph Giese

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Funchal Jazz Festival
Funchal, Madeira
 
Für seine Musik für den Film Birdman, wo er das Schlagzeug total in den Mittelpunkt rückt, erhielt er zu Recht den Grammy. Und auch sein ambitioniertes Projekt The Meridian Suite könnte der Soundtrack zu einem imaginären Film sein. Was schon auf dem Tonträger beeindruckt, ist in der ausgedehnten, anderthalbstündigen Live-Version wirklich aufregend. Der mexikanische Schlagzeuger Antonio Sanchez und seine Formation Migration lieferten am Eröffnungsabend des diesjährigen Funchal Jazz Festivals ein starkes Konzert ab. Teils abgefahrene Sounds von John Escreet auf dem Fender Rhodes, intensivste Linien auf Saxofon und EWI von Seamus Blake oder die oft textlosen Lyrics der Sängerin Thana Alexa im Verbund mit pushenden, aber auch mal sensibel streichelnden, immer spannenden Rhythmen des Bandleaders schufen eine durchlaufende Suite zwischen experimentellem Jazz, modernem Rock und Elektronik, mit sich kreuzenden und auch wiederkehrenden Linien, die den Zuhörer wirklich packte. Auch wenn der Uhrzeiger irgendwann Mitternacht längst schon hinter sich gelassen hatte.
Der indischstämmige US-Saxofonist Rudresh Mahanthappa blies ebenfalls bis weit nach Beginn der Geisterstunde in sein Horn unter freiem, sternenklaren Himmel im wunderschönen Parque de Santa Catarina in Funchal. Und was für eine Energie verströmten sein fabelhaftes Quintett und vor allem er selbst auf dem schneidend scharfen Altsax. Dabei müde zu werden – fast unmöglich. Auch wenn so ein fast durchgängig hoher Energielevel irgendwann auch ein wenig anstrengt. Aber sein Projekt Bird Calls ist live einfach unglaublich erregend. Die Musik Charlie Parkers als Ausgangspunkt, als meist kaum zu erkennende Referenz eines brodelnden Klangkosmos, die auch Mahanthappas Wurzeln nicht verleugnen. Bebop als Grundidee für verschlungene Linien und lustvolle Improvisationen. Die großartige, fantasievolle Rhythmusgruppe mit Pianist Bobby Avey, Bassist Thomson Kneeland und Drummer Rudy Royston, dazu der junge Klasse-Trompeter Adam O´Farrill als zweiter, aussagekräftiger Bläser-Solist – dieser Auftritt war einfach heiß!
Vielleicht nicht heiß, aber unglaublich individuell und verrückt im positiven Sinne präsentierte sich einmal mehr die große Maria João mit ihrem kongenialen Partner Mário Laginha am Klavier und einer Band mit dem jungen Akkordeonisten João Frade. Der Portugiesin mit einer Art Krone auf dem Kopf scheinen die Ideen für unvorhersehbare vokale Abenteuer jeglicher Art einfach nicht auszugehen. Ja, man kennt ihren auf kleines Mädchen getrimmten Gesang. Und ist dann doch wieder davon fasziniert, vor allem wie sie sich in wildeste Silben- und Geräuschfantasien stürzt, ohne sich dabei jemals zu verheddern. Köstlich, höchst unterhaltsam, voller echter Emotionen, aber eben auch musikalisch mit viel Inhalt.
Den kann auch das Sexteto de Jazz de Lisboa für sich reklamieren. Die 1984 gegründete Band mit Kultfaktor, die nach sechs gemeinsamen Jahren fast zweieinhalb Jahrzehnte ruhte, ist inzwischen in veränderter Besetzung wieder aktiv. Und brillierte in Funchal mit zeitlose,, exzellent gespielten Akustikjazz. Mit Gregory Porter setzte der künstlerische Leiter Paulo Barbosa zum Abschluss seines dreitägigen Festivals dann auf eine absolut sichere Karte. Der derzeit populärste Jazzsänger weltweit lockte nicht nur einmal mehr viel Publikum in den Park, sondern ließ alle selig und mit viel Soul im Herzen nach Hause strömen.
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Renato Nunes

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Klavier-Festival Ruhr: Till Brönner & His Piano Friends
 
Es ist beim Klavier-Festival Ruhr inzwischen schon gute Tradition, dass sich Deutschlands Star-Jazztrompeter Till Brönner alle zwei Jahre zum Abschlussabend ein paar Klavier spielende Freunde einladen und den Abend humorig moderieren darf. So auch an diesem Wochenende im Ruhrfestspielhaus.
Martin Tingvall und Enrico Pieranunzi hießen die Auserwählten. Und damit hatte Brönner zwei ziemlich unterschiedliche Typen mit an Bord eines unterhaltsamen Abends geholt. Denn wo der Schwede Tingvall, der sowohl als Solokünstler und mit seinem nach ihm benannten Trio sehr erfolgreich ist mit eingängigen, starken Melodien, die näher an romantische Klassik rücken als an rauem Jazz, ist der Italiener Pieranunzi in Recklinghausen der forsch swingende Tastenartist, der das Rhythmusduo des Abends, Bassist Dieter Ilg und Schlagzeuger Hans Dekker, mehr fordert. 
Till Brönner gesellt sich dann jeweils zu beiden Tastenvirtuosen. Und besonders bei Pieranunzi wurde dann auch mal gut aufs Gaspedal gedrückt. Und dann ahnte man, warum  gleich zwei Konzertflügel aufgebaut waren: Es gibt am Ende noch eine Begegnung beider Pianisten. Die finden allerdings nicht so recht zu einer völlig überzeugenden gemeinsamen Klangreise.
Das Resümee des elfwöchigen Festivals ist übrigens höchst erfreulich. 52.000 Besucher insgesamt und 3.000 mehr verkaufte Tickets als im Vorjahr lautet die Bilanz. Und noch ist das Pianistentreffen ja nicht ganz vorbei - folgende Termine warten noch auf die Zuhörer:

29.08.: Stiftungs-Konzert mit Martha Argerich und Daniel Barenboim, Philharmonie Essen (verlegt vom 10. Juli).
14.09.: Hilario Durán & WDR Big Band, Philharmonie Essen.
18.12.: Anna Gourari, Wasserschloss Gartrop, Hünxe.
09.03.17: Gidon Kremer, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum.
 
Text und Fotos: Christoph Giese

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37. Festival International de Jazz de Montréal

Es sollte ihr allererster Auftritt beim weltgrößten Jazzfestival werden. Die kultigen HipHop-Pioniere von „The Sugarhill Gang“, die 1979 mit „Rapper´s Delight“ das erste weltweit kommerziell erfolgreiche HipHop-Stück herausbrachten, hatten im Vorfeld ihres Besuches in Kanada bereits fleißig Interviews gegeben. Und dann kamen die Amerikaner einfach nicht. Konzertabsage in der letzten Minute!
Aber wie gut, dass es auch bei der 37. Ausgabe des „Festival International de Jazz de Montréal“ wieder jede Menge anderer Angebote gab an den insgesamt elf langen Festivaltagen im Herzen der so sympathischen kanadischen Metropole. Von den über 800 Konzerten sind viele open air und kostenlos, das hat Tradition bei diesem Festival.
Da lässt sich viel entdecken beim Umherflanieren auf dem großen Festivalgelände. Etwa die Sängerin Malika Tirolien aus Guadeloupe mit ihrer mitreißenden Mischung aus Jazz, Soul, R&B und HipHop. Oder zumindest noch ein paar Momente des feinen, mit starken Melodien arbeitenden Trios des französischen, inzwischen in Montreal lebenden Pianisten Simon Denizart. Diese Augenblicke machten Lust auf das Debütalbum des Trios, „Between Two Worlds“. Da bietet Hörgenuss pur!
Aber nicht alles glänzte beim Festival. Eine Allstar-Band unter der Regie von Robert Glasper zum 75. Geburtstag von „Blue Note“ gefiel sich vor allem selbst und berührte mit ihrer Hommage an das legendäre Jazzlabel nur an der Oberfläche. Wie erfrischend war dagegen der Auftritt von  Térez Montcalm. Die kanadische Sängerin und Songschreiberin singt zauberhaft, von Jazz durchmischte Chansons mit ihrer markanten, immer ein wenig hingehauchten Stimme. Eine Entdeckung!
Entdeckt hat Festivalchef André Ménard auch das PUNKT Festival im norwegischen Kristiansand. Und war davon derart begeistert, dass er dieses besondere Konzept mit Live-Konzerten und anschließenden Live-Remixen nun das erste Mal nach Montreal holte. Trompeter Nils Petter Molvær, der am 8. Oktober mit seiner Band im Dortmunder Jazzclub „domicil“ spielen wird, mit einem fabelhaften Soloauftritt und die Band des Gitarristen Eivind Aarset betörten das neugierige Publikum mit ihrer Mischung aus Jazz, Rock und viel Elektronik. Beim anschließenden Live-Remix machten die Musiker gleich selbst mit. Ungewöhnlich eigentlich bei PUNKT, aber das Resultat waren herrliche Klangwelten.  
Auch der Auftritt von Bilal war ein Festival-Höhepunkt. Der US-Soulsänger brillierte im atmosphärischen Club Soda mit seiner intelligenten, lässigen, von Jazz durchzogenen Soulmusik, die irgendwie Old School ist, aber trotzdem herrlich frisch klingt.
Und als wäre das nicht alles schon genug, finden parallel zum Jazzfestival weitere große Konzerte statt. Mit einem weiteren Soulstar zum Beispiel. Maxwell besuchte das L´Olympia für einen Abend. Ein mit Spannung erwartetes Konzert, hat der New Yorker Sänger doch mit „blackSUMMERS´night“ gerade sein erstes Album seit sieben Jahren veröffentlicht. Ein Album, das anders als frühere von ihm klingt. Zum Tanzen bringt der Nu Soul-Star das völlig begeisterte kanadische Publikum in dem altehrwürdigen Theater vielleicht auch deshalb erst mit seinen alten Hits wie dem lässigen Ohrwurm „Sumthin´ Sumthin´“.
 
www.montrealjazzfest.com
Text: Christoph Giese;  Fotos: Montreal Jazz Festival

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„Ana Moura“, im Konzerthaus in Dortmund

Der Bühnenhintergrund: ausgeschmückt mit schwarzem Stoff. Die Musiker: schwarz gekleidet Und auch Ana Moura kommt zunächst im schwarzen Kleid auf die Konzerthaus-Bühne. 
Da taucht gleich das Klischee des Fado vor dem Auge auf, der ach so dunkel-melancholischen, traurigen Musik aus Portugal. Aber schon ein Blick auf die Besetzung von Ana Mouras Band gibt einen ersten Hinweis, dass es bei der Mittdreißigerin aus Santarém musikalisch ein wenig anders läuft. Portugiesische Gitarre sowie Konzertgitarre, ja. Aber schon der Bass ist bei ihr elektrisch. Und Keyboard und Schlagzeug zählen so gar nicht zu den klassischen Fado-Instrumenten. 
Schon mit ihrem letzten Erfolgsalbum „Desfado“ hat Ana Moura die Erweiterung des Fado deutlich hörbar gemacht. Das neue Werk, wieder aufbereitet von der US-Produzentenlegende Larry Klein, hat sie noch  selbstbewusster schlicht „Moura“ genannt. 
Wenn Ana Moura dann in der zweiten Konzerthälfte, längst im ärmellosen Silberkleid, zu Orgelsounds vom Keyboard mit ihrer leicht rauchigen Stimme zwischendurch fast puristisch nach Pop klingt, wäre da nicht die so typisch metallen klingende Erinnerung an den Fado von der portugiesischen Gitarre, dann ist die Modernisierung eines Musikstils vollzogen. Da hätte es die hippen, bunten Videoschnipsel, die jetzt immer wieder auf einer großen Leinwand flimmern, gar nicht benötigt, um das zu spüren. 
Aber natürlich verleugnet die sympathische Portugiesin ihre Wurzeln nicht. Mit sehnsüchtigen Liedern, um dann aber gleich wieder in fröhliche und heitere Tanzstimmung umzuschwenken. 
Richtig stark sind Nummern wie das intensive, poetische Liebeslied „Tens Os Olhos De Deus“ aus der Feder von Landsmann Pedro Abrunhosa. Der ist übrigens kein Fadista, sondern tummelt sich in Jazz und Pop und als Autor.  

Text und Fotos: Christoph Giese

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„Fly“ im domicil in Dortmund
 
Mark Turner – Sax
Larry Grenadier – Bass
Jeff Ballard – Drums
 
Sie sind eine echte Einheit, die drei, die einst gemeinsam bei Chick Coreas Projekt „Originations“ mitwirkten. Längst aber sind Saxofonist Mark Turner, Bassist Larry Grenadier und Drummer Jeff Ballard als eigenständiges Trio „Fly“ unterwegs.  „Wir sind ein Kollektiv“, betont dann auch Jeff Ballard bei einer seiner Ansprachen an das Publikum im Jazzclub „domicil“. Da war der Auftritt von „Fly“ schon fast vorbei und der Schlagzeuger hätte das mit dem Kollektiv gar nicht explizit erwähnen müssen. Man hört es!
Denn dieses pianolose Saxofontrio ist eben nicht ein Saxofonist mit zwei Begleitern. Bei „Fly“ wird völlig demokratisch musiziert. Oft ist es sogar Jeff Ballard, der mit seinem rhythmisch so vielschichtigen Schlagzeugspiel  die Stücke eröffnet oder ihnen nach einem solo gespielten Interlude eine veränderte Richtung gibt.
Dann hören die beiden Kollegen zu, was Ballard so anzubieten hat und schwenken mit ein. Der Kollektivgedanke geht bei „Fly“ sogar so weit, dass in manchen der langen Nummern alle drei einzelne Teile komponiert haben.
So entsteht immer wieder auch suitenhaft wirkende Jazzmusik, die die Tradition der Ära eines John Coltrane reflektiert und sich dabei viele improvisatorische Momente gönnt, um einen Groove, eine Idee, eine Melodie beim Spielen in andere Richtungen lenken zu können.
Das macht das Zuhören bei „Fly“ so spannend und unberechenbar. Mark Turner mit seinem wunderbaren Ton auf dem Tenorsaxofon, Larry Grenadier mit dem so geschmeidigen Spiel auf dem Kontrabass und Jeff Ballard als ständiger, sehr präsenter Klangentdecker und Antreiber am Schlagzeug bewegen sich einmal Richtung Kammermusik, um dann urplötzlich knochentrocken und funkig oder hart und boppig aufzuspielen.
 „Fly“ loten im „domicil“ die Konversationsmöglichkeiten in dieser Konstellation ohne Harmonieinstrument voll aus. Und ein großes Lob für dieses wunderbare US-Trio ist: Man vermisst auch keines!  
    
Text und Fotos: Christoph Giese

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„Robert Glasper Experiment am 08.04.2016  im domicil in Dortmund

Sie agieren mit der Energie einer Rockband, den Fähigkeiten einer Jazzcombo und haben die Attitüde von HipHoppern. Das „Robert Glasper Experiment“ des texanischen Tastenmannes Robert Glasper ist in der aktuellen Jazzszene ziemlich einzigartig – und auch deshalb ziemlich erfolgreich, Grammy-Preise inklusive. Kein Wunder also, dass der Dortmunder Jazzclub „domicil“ restlos ausverkauft war beim Gastspiel der vier Amerikaner an diesem Wochenende.

Dabei sind es oft gar nicht so komplizierte Zutaten, die das Publikum zum Rasen bringen. Schlagzeuger Mark Colenburg trommelt ein gar nicht mal so einfallreiches, aber ungemein treibendes Solo. Darüber legt Robert Glasper mit dem Keyboard flächige Sounds, bevor er parallel am Fender Rhodes E-Piano süffige Melodien dazusteuert. Das Ganze geht minutenlang im Duo so weiter und schaukelt sich immer mehr hoch.

Das Stück „Lovely Day“ beginnt dagegen unglaublich schleppend. Cooler kann man das kaum spielen. Aber dann kommt Raffinesse in die Musik. Sie groovt unglaublich cool und die Musiker finden Lust und Laune an jazzigen Improvisationen. Casey Benjamin streut durch einen Vocoder gejagten, ziemlich abgedreht elektronisch verfremdeten Sprechgesang hinzu. Fertig ist die komplette Metamorphose eines lieblichen Soulhits von Bill Withers aus den 1970er Jahren.

Auch Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ erfährt seine spannende Verwandlung. Aber selbst wenn Robert Glasper einfach auf den Tasten ein wenig sperrig herumspielt und dann plötzlich Casey Benjamin ein nicht enden wollendes, heißlaufendes, rotziges Free Jazz-Solo auf dem Sopransaxofon darüber jagt, finden das die Zuhörer cool. Das „Robert Glasper Experiment“ schafft eben in jedem Moment einen gelungenen Zusammenschluss zeitgenössischer schwarzer Musikarten.

Text: Christoph Giese; Fotos: Günter Maiß

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Carminho im „domicil“ in Dortmund

Carminho - Vocal

Es gab Zeiten, da war es schwierig für den Fado. Auch in Portugal. Der heutige Superstar Mariza spielte die erste eigene Platte für ein holländisches Label ein. In ihrer Heimat wollte niemand Geld für den Fado ausgeben. Das sei nicht lukrativ genug, das verkaufe sich nicht, musste sich Mariza anhören. Um dann von ihrem Debütalbum gleich mal 140.000 Stück zu verkaufen, nur in Portugal.
Die Zeiten für den portugiesischen Blues, wie der Fado oft, aber doch nicht so ganz zutreffend bezeichnet wird, haben sich inzwischen grundlegend geändert. Heute gibt es in dem Land am Atlantik kaum ein Label, das nicht Fadokünstler unter Vertrag hat. Im Jahre 2011 wurde der Musikstil sogar in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen.
Die Sängerin Carminho ist eine der neuen, frischen, spannenden Stimmen der Generation nach Mariza. Und sie zeigt im vollbesetzten Jazzclub „domicil“ warum. Satt und dunkel ist ihr Timbre in den tiefen Lagen, explosiv in den emotionalen Höhen. Zudem hat gerade seit dem aktuellen Album „Canto“ ihre Musik deutlich an Rhythmus gewonnen. Neben Bassgitarrist José Marino de Freitas, Flávio Cardoso an der Konzertgitarre sowie Luís Guerreiro an der so typisch metallen klingenden portugiesischen Gitarre hat die Portugiesin mit Ivo Costa auch noch einen Perkussionisten mit nach Dortmund gebracht. Was ihr die Möglichkeit eröffnet, über die Grenzen des Fado hinauszuschauen. Hin zu verschiedenen Folkloreformen portugiesischer Musik oder auch herüber nach Brasilien.
Etwa zu „Chuva no Mar“ der Brasilianerin Marisa Monte. Ein wunderbar zartes Stück Musik, das die Seele berührt. Ebenso wie das Sehnsuchtslied „Saudades do Brasil em Portugal“ des brasilianischen Dichters Vinícius de Moraes. Hier kann Carminho ihre ganze Ausdruckskraft beim Singen einbringen, mit ihren Stimmfarben nuancieren.
Aber natürlich ist auch Carminhos Fado keineswegs nur schwermütig und getragen. Das fröhliche Liebeslied „Saia Rodada“ lädt förmlich zum Mitschwingen ein. Noch cleverer ist „Bom Dia, Amor“, ein Stück, das auf einem Brief des großen portugiesischen Dichters Fernando Pessoa basiert und eine bislang unerwiderte Liebe besingt. Aber das in so beschwingt tänzelnden Rhythmen verpackt, dass man die Tragik des Inhalts gar nicht spürt, wenn man den portugiesischen Text nicht versteht. So geschickt wissen Carminho und ihre Band in Dortmund die „Saudade“, die Sehnsucht, erträglicher zu gestalten.

www.carminho.com.pt   www.domicil-dortmund.de   Text: Christoph Giese; Fotos: Kurt Rade
 
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