Günter Maiß - virgin-jazz-face

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Redakteure & Bespr.
Susan Weinert "Rainbow Trio" – CD Release Konzert im domicil in Dortmund
 
Susan Weinert - acoustic guit,
Sebastian Voltz - piano,
Martin Weinert - acoustic bass
 
Kompliziertes einfach klingen lassen, das ist eine Kunst, die dieses Trio perfekt beherrscht. Im Laufe der Jahre war Susan Weinert einigie mal Gast im domicil Dortmund, immer im Verbund mit ihrem musikalischen Partner und Ehemann Martin am Bass. Über 30 Jahre währt dieses Allianz, im Ergebnis: Traumwandlerisches Zusammenspiel. Den Auftritt am 26 Oktober 2018 bestritt das Weinert Paar im Trio mit Martin Voltz am Klavier, eine – wie Susan mit Recht betont - , ideale Ergänzung.
 
Alle drei Musiker spielten mit einer unangestrengten Virtuosität, die Klänge der Saiten verzahnten sich perfekt. Bewusst wird auf drums/percussion verzichtet, um den Saiten reichlich Raum zur Klangentfaltung zu geben. Die Musik könnte man als kammermusikalischen Jazz bezeichnen. Die Kompositionen, alles Weinert-Originals (und eines von S. Voltz) wurden animiert durch friedvolle Natur/-ereignisse wie „Eisblume“, „Licht“, „Mohnblume“, Kraniche“, - wobei auf atonale Elemente verzichtet wurde.
 
Nach Erfolgen als Jazz-Fusion Gitarristin in den 90er Jahren, u.a. Auftritte mit STEPS AHEAD und einem eigenen Trio, hat sie sich zu einer wichtigen und vielbeachteten Protagonistin im akustischen Lager der nylon-string Gitarristen entwickelt. Geschmackvoll setzte Susan Elektronik ein, um ein schönes Delay und dezente Effekte zu erzeugen. Das Konzert im domicil war ein gelungenes CD Release Konzert, das beglückte Hörer in die kalte Nacht entließ.
 
CD Susan Weinert "Rainbow Trio" – Beyond the rainbow
 
Das Album „Beyond the rainbow“ ist mittlerweile das 13. Album der Gitarristin, - ihr Deput Album Mysterious Stories (veraBra Records / Intuition) kam bereits 1992 heraus. Wie das Konzert ist auch das Album eine absolut entspannte und gleichsam abwechslungsreiche Klangreise im Spannungsfeld von Jazz, Klassik und Weltmusik. Aufgenommen wurde es im Juli 2018 in den Bauerstudios Ludwigsburg als Studio Live Concert. Die Bauerstudios gehören zu den besten in Europa, - nicht verwunderlich, dass ECM dort Stammgast ist. Entsprechend überzeugend ist das Klangbild der CD. Hörenswert!
 
Susan Weinert & Band ist noch einige mal live im November zu hören, u.a. in Recklinghausen am 9.11., 17.11. in Düren.
 

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Moers 18. - 21. Mai 2018
 
Das 47. Festival mit Konzerten, Klanginstallationen und Kunst-Performances.
 
Freitag
8:30h Abfahrt Dortmund City Richtung Moers, traditionell mit dem Trecking-Rad, diesmal zu dritt. Die Strecke führt uns über die ehemalige Bahntrasse „Rheinischer Esel“ bis nach Witten an der Ruhr, dann dem Fluss folgend bis Duisburg; erster Kaffee-Stopp in Essen Steele, ein kurzer Blick in die historische, sehenswerte Kettwiger Altstadt beim einem Eis und angenehmen 22 Grad, eine Speiche reist mit einem Knall, Weiterfahrt glücklicherweise möglich. Entspannte Ankunft trotz Gegenwind kurz vor 17h in Moers mit 100km auf dem Tacho.
 
Die sauberen Duschen erfreuen, und nach dem Zeltaufbau im schönen, frisch saniertem Schwimmbad geht‘s zur Festivalhalle. Auf dem Zeltplatz sind wir zu fünft, incl. Festivalbekanntschaft Max aus Heidelberg, Holger nächtigt im 4Sterne Hotel. Ein erster Blick ins Programmheft erschlägt ein wenig durch die Fülle und Vielfalt von 137 Acts und 20Spielstätten.
 
Die Halle ist vollkommen dunkel, äußerst spärliches Bühnenlicht fokussiert die Besucher* auf einen wuchtigen Auftakt in der Halle mit der US-Band Talibam, gefolgt von CP Unit, ebenfalls eine amerikanische Band. Wie im Vorjahr gibt es somit gleich zu Anfang reichlich schwere Kost mit Free Impro. Wenn im Vorjahr die Ballung von freien Klängen für (gewollte) Verstörung sorgte, so waren es 2018 Kontraste, die überraschten. Efterklang & Box (DK/BE) zelebrieren eine neue, eher folkig anmutende Barock-Pop-Interpretation, die einige überforderte Jazzfans zum Bierholen animierte.
 
Jan Klare, bestens bekannt durch seine Kuratorenaufgabe (MOERS Sessions) und Auftritte seines Ruhr-Orchesters THE DORF, begeistert mit seiner Band2000 (D/BE/US) durch eine gelungene Mixture aus Powerplay-Improvisation und kreativer Materialverwendung (Wagner, Bach, ..). Auch 2018 überzeugt die Nutzung der „Mittenbühne“: Schneller Umbau und aktive Teilhabe statt Wegnicken auf reservierten Stühlen, diejenigen in den vorderen Rängen vor der Hauptbühne müssen sich nur auf den Bierbänken umdrehen, um das Bühnengeschehen in der Mitte zu verfolgen.
 
Verstörend ist definitiv das Nate Wooley's Projekt Seven Storey Mountain: Das 11 köpfige multinationale Ensemble mit 2xdr, 2x Vibes, Bläsern und Streichern baut einen langatmigen, melodiefreien drone – Sound, der hohe Erwartungen erzeugt, aber nicht so recht einlöst. Das Berliner MELT TRIO bietet einen überzeugenden Abschluss in der Halle mit innovativen Fusion-Gitarren-Trio-Sounds (g-b-dr). Für weitere Abwechslung sorgt der Besuch im Festivaldorf mit der gut besuchten „Eintritt frei“-Bühne, Treffpunkt auch für andere Dortmunder Musikfans. Gut für Holger: Es gibt dort sogar eine Fahrradwerkstatt, wo flugs die gerissene Speiche ersetzt wird (44€)! Mitternacht am Zelt ein kurzer Austausch: Max erlebte am Freitag einen versöhnlichen, durchaus melodischen Brötzmann Solo im Schlosshof, - da wo alles 1972 begann -, dann kriechen die Radler todmüde in den Schlafsack.
 
Samstag
Unser Musikprogramm beginnt (wie in den Vorjahren) um 11h mit der MOERS SESSION in der Musikschule. Das schöne Wetter lädt dann zeitig zum Besuch der Bühnen im Schlosspark ein, wo viele Jahre die Openair-Bühne bzw. das Festivalzelt stand. Das Duo Julia Kadel und Achim Tang (p/b) entführt die in der Sonne relaxenden Besucher in die hohe Kunst der Improvisierten Musik, ein kammermusikalisches Highlight. Die andere Schlossparkbühne bietet dann einen weiteren Höhepunkt mit der brasilianischen Band QAURTABÉ. Diese originelle 2014 gegründete Independent Formation aus Sao Paulo interpretiert die Musik des musician'smusicanMoacir Santos (sax/Brasil), hinreißend instrumentiert und dargeboten von 2 Klarinetten, drums und dem einzigen Mann in der Band an den Keyboards.
 
In der Fußgängerzone fasziniert Bram Stadthougers (NL), der mit seiner Gitarre eine rieisige Orgel mittels Midi ansteuerte. Ähnlich wie Pat Metheny mit seinem Orchestrion – Projekt erzeugt der virtuose Niederländer einen fulminanten Sound unter Einsatz von 800 Orgelpfeifen, 12 Perkussionsinstrumenten und zwei Akkordeons. Ein Hingucker!
 
Ein Muss und Treffpunkt der Zelt-Homiesist der Auftritt der WDR BIGBAND. Auf dem Programm sind Arrangement (u.a. Weather Report) des auch dirigierenden Vince Mendoza. Im Vergleich zu den Avantgarde – Klängen davor klingt alles eher brav, aber dennoch überzeugend, dargeboten von erstklassigen Solisten wie Peter Erskine (dr), Paul Shigihara (g) oder Paul Heller (ts) u.v.a.
 
Ein besonders atmosphärisches Konzert hat Festival Leiter Tim Isfort mit dem nächtlichen Auftritt von Ethan Iverson im Schlosspark inszeniert: Mitten auf der Wiese wird der Flügel platziert, lediglich ein Lagerfeuer wirft ein wenig Licht auf den Klaviersolisten, der Standards auf höchstem Niveau interpretierte. Es hätte der perfekte Augenblick werden können, die Nacht, die Sterne, die Stille von zarten Klavierklängen gekreuzt, als der Aufforderung von Iverson Folge geleistet wird, sich an den benachbarten Händen zu halten, hätten da nicht die Servicekräfte des benachbarten Ausschanks mit Abräum-Bierkisten-Gläser-Geklimper die Mystik zerstört.
 
Sonntag
Der Sonntag startet mit einem Muss: Ralph Alessi & This aganistThat feat. Ravi Coltrane! Ein Auftritt, der vielen zusagt, Modern Jazz auf hohem Niveau, zweifellos, aber ohne große Überraschungen und Biss. Sebastian Gramss überzeugt ein weiteres Mal: Die große Besetzung STATE OF PLAY mit 2 Rhythmusgruppen bietet filigrane, orchestrale Avantgarde mit Assoziationen zu Ellington/Mingus/Zappa. Überzeugend! (Gramss' Fossile 3 + 1 rockte am Samstag das Festival Dorf mit dem Bassklarinetten-Virtuosen R. Mahal und P. Zoubekam rollenden Piano, das Moers vielerorts unsicher machte). Nicht vorbei kann man am Trio GROPPER GRAUPE LILLINGER aus Berlin mit dem hyperaktiven Lillinger an den drums, zu hören im Park. Virtuos und Originell. Konzentrationsmusik.
 
Während Tim Isfort Witze über geklaute Gartenzwerge, vor der Halle kunstvoll drapiert, macht, muss Fred sein Auto vom Parkplatz fahren (sonst wird lt. Zettel an der Windschutzscheibe abgeschleppt), derweil klaut ein unverschämter Mensch sein dort kurzzeitig abgestelltes Klapprad. Vorbei ist es mit der Beweglichkeit zwischen den 20 Spielstätten.
 
Trösten kann ihn in der Halle der Auftritt der Horselords, dann ein weiteres Highlight auf den Hallen-Mitte-Bühne: Isfort brachte OXBOW aus San Francisco mit Peter Brötzmann zusammen. Was auf dem Papier zunächst befremdlich schien, funktioniert in der Realität prächtig. Das schreiende Saxofon fügt sich perfekt ein in den treibenden, aus Rock, Blues und Noise gespeisten Groove, vermischt sich mit dem ekstatischen Gesang des Frontmanns Eugene S. Robinson. Respekt, was der mittlerweile 77 jährige Peter Brötzmann in Moers mit 3 Auftritten abliefert (Solo, im Duo mit Heather Leigh, OXBOW). Kontrastreicher ging es dann am Ende in der Halle kaum: Das amerikanische Duo mit Frank Fairfield & Meredith Axelrod mit süßlichem Folk-Blues.
 
Resümee am Zelt beim letzten Bier mit Fred, Max, Holger, Uli …:
Das Folk-Duo hätte perfekt im Schlosspark auftreten können, um auch unbedarfte Hörer in den Bann ziehen zu können. In der Halle, was sollte da die Botschaft sein? Später las man von Tim Isfort, dass die Kontraste, das Verstörende bewusst eingesetzt war, -wer im Programm nichts findet, solle doch einfach Tatort gucken … .Fred gefällt die kompromisslose Programmatik, Uli hättet sich ein mehr zielgruppenspezifisches Konzept gewünscht, was die Bespielung der einzelnen Bühnen angeht. Von allen geteilt wird der gelungene Versuch die Stadt zu „Moersifizieren“: Kein Bewohner kam daran vorbei zur Kenntnis zu nehmen, dass etwas Außergewöhnliches in seiner Stadt passiert: Neue Musik, fremde Klänge aus allen Ecken der Welt, wurden von ca 35.000 Besucher wahrgenommen bzw. friedvoll genossen.
 
[Highlights für Pit, der als Einziger bis Programmende am Montag blieb: Irreversible Entanglements, Dsilton (in einem Club bestimmt noch besser, mikrotonale Soundwelten) und Rob Mazurek Underground …]
 
Geteilt wird auch die Einschätzung, dass das Moers-Festival ohne „Name Dropping“ weiterhin auskommt. In „Jazzkreisen“ zumindest waren vor allem/allenfalls die WDR Bigband, Ethan Iversen, Peter Brötzmann, Ralph Alessi / Ravi Coltrane bekannter. Uli findet, dass die Artistin in Residence, Josephine Bode, etwas blass blieb, zu hören u.a. mit E. Iverson und D. Kis. Vielleicht liegt es auch am Instrument: Recorder, gemeint ist die Blockflöte, die zwar durch verschiedenste Ausführungen aufzufallen weiß, aber bezüglich Klangfarbe und Ausdrucksstärke gegenüber anderen Blasinstrumenten eher im Jazz abfällt. Geschmackssache!?
 
Das Zelten bei diesem Wetter war prima, kostenfrei und durch die Lage im Schwimmbad mit Sitzmöglichkeiten etc. komfortabel. Immerhin 400 Zelte wurden gezählt, beschaulich gegenüber den 80er/90er Jahren, dafür relaxt und nah am Geschehen (Halle/Dorf/Musikschule/Park ...). Getrübt wird diese Begeisterung durch eine mitternächtliche Trommel-Session. Selbst die Ansprache von genervten Nachbarn und Ordnern vermochte die Althippies kaum bremsen: „Das war schon immer so, das gehört dazu …!“ Die Trommelrunde am Festivaldorf war da sympathischer.
 
Beim letzten Bier kommt ein anderer Aspekt zur Sprache: Was kostet mich Moers? Die Ticketpreise haben deutlich angezogen, 150€ fürs Festival. Jeder fing an zu rechnen.
 
Am billigsten kam Uli weg: Er arbeitete 2 Tage als Volontäre (Einlasskontrolle etc.), das Festival Ticket war dann umsonst. Anreise mit dem Rad, also umsonst, 2x Pizza in der Stadt 25 €, Einkaufsbeteiligung Zeltrunde 26€ (Brot, Käse, Bier ...), Radreiseverpflegung ca 25 €, Bier in der Halle 6€: Summe 81 € Phänomenal günstig! (Getrübt wurde die Freude lediglich durch die angefragte Verdopplung der Einsatzstunden durch Wegfall anderer Volontärs). Am meisten hingeblättert hat Pit, der noch beim Bier am Zelt dazu stieß: 150€ Ticket, 3x Hotel mit ÜF: 180€; Tonträger 80 €, Bier in der Halle: 30 €, Essen in der Stadt / im Dorf (Maultaschen!): 60 €, Anreise aus Hamm mit dem Auto (ca 200km x 0,30): 60€, Summe: 560 €. Zwar eine stolze Summe, dafür viel Spaß, Komfort und Erinnerungen (u.a. die Tonträger der Festivalkünstler ...).
 
Beim nachmaligen Blättern durchs Programm wird auch deutlich: Wer nur reinschnuppern will, hat eine Menge Eintritt-Frei-Optionen. Aber das Geld ist für das Festival allemal Wert. In Pop-Kreisen zahlen die Besucher so eine Summe z.T. für einen Act! Und deutlich wurde auch, dass jeder das Festival anders erlebt hat, jeder hat sich andere Punkte rausgepickt, anders kombiniert, insofern gibt es individuelle Wahrnehmungen, kein homogenes Bild. Gut so! Wie auch immer, verabredet wird sich erneut für 2019: MOERS bleibt (hoffentlich) eine feste Größe in der Festivallandschaft, im Team Tim Isfort, Claus Arndt, Jan Klare & Co. noch bunter, vielfältiger, kreativer als je zuvor.
 
Anmerkung: Für alle außer Pit war Montag Abreisetag. Verpasst haben wir einige schöne Acts, 2019 ist das volle Programm geplant, 1 Tag mehr Urlaub muss drinsitzen!
 
Hinweis: Dank der erneuten Kooperation mit arte und WDR Fernsehen waren alle Konzerte im Live-Stream zu sehen. Die Konzerte sind bei www.arte.tv sechs Monate verfügbar.
 
[ * aus Gründen der Lesbarkeit habe ich auf *innen verzichtet. Selbstverständlich sind immer alle Geschlechter gemeint.]
 
Text: Günter Maiß  Fotos: Kurt Rade

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Bornstein Lammel Lauer am 12.01.2018 im domicil Club, Dortmund
 
Top Jazz Piano Trio mit:
 
Andreas Lammel - Piano
René Bornstein - Bass
Florian Lauer - Drums
 
Premiere im domicil hatten Bornstein Lammel Lauer bereits im Frühjahr als Support-Band von Star-Drummer Billy Cobham. Das Trio kam so gut rüber, sodass das Trio nochmal eingeladen wurde, um ihr komplettes Programm in 2 Sets zu präsentieren.
 
Die Website der Band verkündet: "Alles getrieben von einem unbändigen Willen, sich und dem Publikum mit der Musik eine Freude und eine gute Zeit zu bereiten." und … "Vielschichtige Musik, die aber nie Gefahr läuft, auch ungeübte Ohren zu überfordern." Dass das funktionierte, bewiesen die drei sowohl im Cobham-Support als auch beim Clubauftritt ohne dabei in zu flache Gefilde abzudriften. Vielmehr war es die enorme Spielfreude und ungemein große Dynamik, die die drei ausstrahlten und die überzeugte.
 
So manch ein Hörer mag bei der Ankündigung „Klavier-Jazz-Trio“ kaum zucken, so strapaziert und inflationär scheint das Angebot in diesem Format zu sein. Bornstein Lammel Lauer bewiesen, dass es jenseits vom Barjazz ein spannendes Terrain gibt, sich kreativ den klanglichen Möglichkeiten von Klavier-Kontrabass und Schlagzeug hinzugeben.
 
Pianist Andreas Lammel nutzte weidlich die Möglichkeiten des Flügels, - er bediente die Königin der Instrumente eher orchestral unter Nutzung des gesamten Tonumfangs mit wuchtigen Akkorden und melodischen Läufen.
 
Räumlich und visuell stand Bassist René Bornstein, der auch die meisten der Originals beisteuerte - im Mittelpunkt des Geschehens. Die Wucht und Dynamik der Stücke vermittelte der Bassist mit ganzem Körpereinsatz, die Saiten seines historischen, wunderbar volltönernden Kontrabasses wurden mit fettem Bounce angerissen. Drummer Florian Lauer trieb souverän das Trio voran und untermalte geschmackvoll in ruhigen Balladen und Rubato-Passagen.
 
Als Zugabe gab es Bornseins Ballade „Novemberlied 17“, ein Traditions-Zyklus des Bassisten; 2016 gab es kein Novemberlied, da die Band zu busy war. Die Bühnenpräsenz bundesweit ist nicht verwunderlich, denn Spielfreude und Niveau des Trios sprechen für sich. Nach zwei Zugaben verließ das Trio die Bühne des vollen Clubs und hinterließ begeisterte Fans, die diesem Trio-Format erneut einiges abgewinnen konnten.
 
Das Repertoire stammte vor allem aus dem neuen Album „Look at Me“ (Traumton Records) sowie aus dem Debutalbum „Novemberlieder“, das 2014 bei „Nabel Records“ erschien. Große Beachtung erhielt das Trio zudem durch die Nominierung mit dem ECHO JAZZ 2017 in der Sparte „Newcomer“. Herzlichen Glückwunsch!
 
Das Trio ist demnächst wieder live hören, und zwar am 7. April in Nordhausen und am 11. Mai in Rostock.
 
 
Text & Fotos: Günter Maiß

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Johannes Motschmann "Electric Fields"
 
Neoklassik & Elektronische Musik am 18.11.17 im domicil in Dortmund
 
Johannes Motschmann - piano/keyboards/synthesizer & composition
David Panzl - perc, dr, vibes
Boris Bolles - synthesizers/violin
 
Ein außergewöhnliches Konzert präsentierte das Dortmunder domicil im Rahmen der 24. Jazztage: Zu hören war im großen Saal des domicil ein besonderes Set-up, das für Genre übergreifende Klänge sorgte. Konzept und Kompositionen stammten von Johannes Motschmann; er vereint im Trio mit David Pranzl und Boris Bolles im Programm "Electric Fields" die zwei bedeutenden Traditionslinien der deutschen Musikgeschichte „Elektronische Musik“ und die „neue Klassik“ der Berliner Schule.
 
Das Dilemma der Spartenzuordnung / Kategorisierung hatten Publikum und Veranstalter domicil: Was erwartet uns? Wie kommen domicil und potentiell Interessierte zusammen …? Das Dilemma der Kategorisierung und dessen Kommunikation spiegelt sich auch wieder bei den Tonträgerverkäufern. So nutzt JPC ausschließlich den Begriff „Elektronische Musik“, discogs hingegen: „Genre: Electronic, Classical, Stil: Ambient, Contemporary, Modern Classical“ und amazon schließlich „Klassik, Kammermusik“! … und angeboten wurde das Konzert in einem (vermeintlichen) Jazzclub, bzw. bei einem Veranstalter, der sich dem Jazz/Weltmusik und der Avantgarde verschrieben hat.
 
Außergewöhnlich war zudem, das die „elektronische“ Musik nicht vom Laptop und durch Loops abgerufen wurde, sondern fast ausschließlich live über keyboards plus Geige und drums/perkussion/vibes etc gespielt wurde. Die beiden keyboarder nutzten analoge Synthesizer, ein altes Wurlitzer-Piano und das legendäre Yamaha CP-70.
 
Die Stücke waren zwar dezidiert ausgearbeitete Tracks, behielten aber durch die Liveproduktion Authentizität und Lebendigkeit. Assoziationen mit Jarre, Sakamoto und Steve Reich drängten sich auf, wobei die Musik des Motschmann-Trios durch eine höchst eigenständige, raue und melancholische Klangfarbe geprägt ist, die durch pulsierende Beats kontrastiert wurde.
 
Zur Biografie: Johannes Motschmann (Wahl-Berliner) war Schüler von Wolfgang Rihm; er gehört zum Berliner Label "Neue Meister/Berlin Classics", das als Plattform für neugierige und experimentierfreudige Musik-Hybride gilt, die eingefahrene Grenzen zwischen Klassik und Electronica auf höchst individuelle Weise auflösen. Er erhielt Kompositionsaufträge von renommierten Festivals wie Klangspuren/Schwaz, dem Davosfestival, der Münchner Biennale, dem Beethovenfest Bonn, dem Heidelberger Frühling, dem Alpenklassik-Festival, den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern und der Biennale für Moderne Musik/Frankfurt am Main. Seine Werke wurden unter anderem beim Schleswig-Holstein Musikfestival, beim Rheingau Musik Festival beim Reeperbahnfestival in Hamburg und in der Yellow-Lounge im Berghain in Berlin aufgeführt.
 
CD / Vinyl
 
Die Liebe zum Analogen spiegelt sich konsequenterweise auch im Tonträgerangebot des Trios wieder, d.h. das Werk ist nicht nur als CD, sondern auch auf Vinyl erhältlich:
 
Die Rhythmen von „Electric Fields“ sind minutiös als Notentexte entworfen und wurden von dem Trio im Studio live eingespielt. Alle Instrumente sind im selben Raum aufgenommen worden, sodass der handgemachte Elektrosound plastisch und natürlich klingt. An der Seite Johannes Motschmanns stehen der Multipercussionist David Panzl und der Tonmeister Boris Bolles, der neben weiteren Synthesizerparts auch Violin- Melodien beisteuert.
 
Das Magazin „Good Times“ schrieb im Juni Juli 2016 zum Tonträger: »Der live mit analogen Synthesizern, Wurlitzer-Piano und CP70- Piano eingespielte Elektrosound soll die Stimmungen einer Nachtfahrt durch Berlin einfangen, und wahrlich spiegeln die neun Stücke auf anschauliche Weise die unterschiedlichen Atmosphären durchtanzter Nächte wider.«
 
Fazit: Motschmann gelang es eine spannende Synthese zu kreieren, die sowohl auf Tonträger als auch live zu überzeugen weiß, - ein wenig mehr Gäste hätte das allerdings Konzert verdient, - in dem Punkt wurde das Kommunikations- und Kategorisierungsdilemma nicht ganz aufgelöst.
 
Hörenswert!
 
 
Text & Fotos ©: Günter Maiß

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Sebastian Gramss "States of Play" im domicil in Dortmund
 
Besetzung: Valentin Garvie tp, Rudi Mahall bcl, Pierre Borel sax, Tobias Hoffmann g, Christian Ramond b, Dominik Mahnig dr, Philip Zoubek player piano (diskflügel)/prepared p, Sebastian Gramss b/komp, Etienne Nillesen dr/perc
 
Gleich am Amfang der 24. Dortmunder Jazztage |2017 präsentierte das Dortmunder domicil ein Highlight: Auf der Bühne stand das 9 köpfige Ensemble „States of play“, das der Kölner Bassist und Komponist Sebastian Gramss (Jg. 1966) zusammengestellt hat. Bekannt wurde S. Gramss durch diverse Bands und Projekte, vor allem durch die Formation „Underkarl“ (s.u.). 2013 erhielt er den ECHO-Preis in der Sparte Kontrabass.
 
States of Play manipulierte die „Architektur von Musik“ indem es Melodien, Rhythmen und Grooves in Echtzeit zerlegt und wieder neu zusammengesetzte. Ein präpariertes Selbstspielklavier brachte die Bandmitglieder in ungewohnte Situationen, vertraute Strukturen wurden polyrhythmisch erweitert. Der live präparierte Diskflügel bildet als präzise Musikmaschine das ordnende Gegengewicht zu den sich ständig verschiebenden Ebenen, auf denen sich die beiden Rhythmus- Gruppen und die Bläser der Band fortwährend bewegen.
 
Großes Geschick bewies Sebastian Gramss bei der Auswahl der Band mit Spitzenmusikern der zeitgenössischen europäischen Musikszene. Ungewöhnlich auch die Besetzung mit zwei famosen Rhythmusgruppen und ein hervorragend eingespieltes Bläsertrio mit tp-cl-sax, herausragend hier vor allem Rudi Mahall an der (Bass-)Klarinette.
 
Das Publikum wurde durch transparente melodisch-rhythmische Strukturen abgeholt, um dann binnen Sekunden in unerwartete avantgardistische Klangstrukturen entführt zu werden. Viele Passagen strotzten vor Spielfreude und Virtuosität, der live präparierte Diskflügel steuerte - von menschenhand unspielbare - maschinell präzise Counterparts zu den Variationen des Ensembles bei. States of Play bot einen grandiosen Abend, der einige Gäste mehr verdient hätte. Dank gilt den Förderern, die die Konzerte ermöglichten! (u.a. Kunststiftung NRW , Stadt Köln, NRW Kultur ... Ministerium).

CD Tip: Sebastian Gramms Underkarl _ CD „Timetunnel 25“
 
Eine Band mit erstaunlicher Beständigkeit ist die Kölner Gruppe UNDERKARL: Im Jahr ihres 25-jährigen Bestehens präsentierte sie ihr neues, achtes Albums „TIMETUNNEL 25“, - einzige Underkarl-Umbesetzung war Rudi Mahall (Klarinetten) statt des Posaunisten Nils Wogram. Treffendes Zitat: "Selten seit Zappa waren Anarchie und Disziplin, Jazz und Rock so stimmig vereint", schreibt "Rolling Stone" treffend über Underkarl.
 
TIMETUNNEL 25 wartet mit einem anspruchsvollen Konzept auf, das zwar nicht neu (man denke an Jon Hendricks mit Lambert, Hendricks & Ross), aber beeindruckend umgesetzt wurde: Spontane Solos von Jazzgrößen wie Miles Davis, John Handy oder Stan Getz wurden transkribiert und als Grundlage für neue musikalische Interpretationen genutzt. Melodische Parts/Tracks stehen halsbrecherischen Passagen (Parker's „Donna Lee“) gegenüber, insgesamt ein 45 minütiger, kurzweiliger Par-force – Ritt durch 70 Jahre Jazzgeschichte. Paten für „Timetunnel 25“ waren Soli von Thelonius Monk, Chet Baker, Stan Getz, Charlie Parker, Miles Davis, Ornette Coleman, Charles Mingus, Steve Lacy, Clifford Brown, Sonny Stitt, Jimmy Hamilton, John Handy und Coleman Hawkins.
 
Fazit: Äußerst hörenswert, - live oder als Tonträger, aktuelle CD: „Timetunnel 25“ (rent a dog./Rattay music)! (Quelle): http://www.sebastiangramss.de
 
Text & Fotos: Günter Maiß

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Jin Jim im Dortmunder domicil
Jazz Rock World Beats
 
Daniel Manrique Smith - alto/bass, western concert fl,
Johan May - git
BenTai Trawinski - bass
Nico Stallmann - drums
 
Die aus Köln/Bonn stammende Band „Jin Jim“ versetzte den vollen Club in eine Art musikalische Zeitmaschine: Der Mix aus Rock, WorldBeats mit jazzigen Improvisationen klang z.T. wie die legendäre NL Band Focus (dessen zeitweiliger Gitarrist Jan Ackermann demnächst auch im domicil spielen wird). Mit starkem rhythmischem Drive bewegte sich die Band zwischen Modern Jazz und Rock, wobei auch ein JS Bach zitiert wurde. Besonders geprägt wird der Bandsound natürlich durch die Querflötenklänge des peruanischen Musikers Manrique Smiths. In jeweils 4 langen Stücken pro Sets hatten alle Bandmitglieder viel Raum für ausgiebige Improvisationen. Das Original „Duende“ beschrieb zudem das Phänomen Improvisation im Flamenco, wie dort unabgesprochen ein Musiker einen neuen Pfad beschreitet und alle intuitiv folgen. Hinreißend ein dramaturgisch superb gestaltetes, ausgiebiges Schlagzeugsoli, vornehmlich auf snare, hihat und bassdrum gespielt.
 
Die 2013 gegründete Band ist ein Senkrechtstarter der Szene: Finalist von Jazztube Bonn, 2014 Gewinner des Wettbewerbs future sounds (Leverkusener Jazztage), 2016 folgte eine Tournee vom Goethe Institut, dann eine Aufnahme für die Sendung Rockpalast, Auftritt beim Jazzfestival Viersen und 2017 auf der JazzBaltica. Im Jahr 2015 erschien das erste Album „Die Ankunft“ (Label Neuklang), August 2018 wird das 2. Album beim renommierten Label ACT erscheinen.
 
Der Auftritt im domicil war äußerst kurzweilig, die Band entließ das begeisterte Publikum nach 2 Zugaben. Band & Publikum hoffen auf ein CD-Release-Konzert 2018, dann vielleicht im Saal.
 
Fotos & Text: Günter Maiß

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„Jazzfest-Moers 2017“
 
Was ist eigentlich das Moers Festival? Zumindest ist es so bekannt, dass es einen erklärenden Titel/Untertitel – wie ehemals „New Jazz Festival Moers“ nicht mehr braucht. 1972 gestartet – mit Burckhard Hennen als Gründer und langjährigen Leiter - als Festival für zeitgenössischen Jazz, öffnete sich das Festival zu anderen Sparten, insbesondere zu Weltmusik, Elektronischer Musik, Avantgarde. Gleichzeitig verbirgt sich dahinter ein gewisses Dilemma der Kategorisierung, Jazz allein taugt auf jeden Fall schon lange nicht mehr als Etikett.
 
Die 46. Ausgabe dieses weltweit renommierten, kleinen aber feinen Festivals war eine Besondere:
 
Im Vorfeld musste man fürchten, dass es kein Moers 2017 geben wird, - nach 10 Jahren hat der zweite Festivalleiter, Reiner Michalke, nach diversen Querelen um Geld und Rückhalt in der Stadt die Brocken hingeworfen. Nach nur sechs Monaten Vorbereitungszeit haben vor allem der neue künstlerische Leiter Tim Isfort und Geschäftsführer Claus Arndt – beide Moerser Bürger!- es geschafft, nicht nur ein beachtliches Programm auf die Bühnen zu stellen, sondern sie haben den Charakter nochmals verändert. Es ging den neuen Machern darum, das Festival besser in der Stadt zu verankern und den Besuchern die Möglichkeiten zu geben, sich ihr Moers Festival individuell zusammenzustellen. So wurden über 80 Acts an 4 Tagen - neben der „mainstage“ Festivalhalle auf einer Reihe von Spielorten – präsentiert. Mir gelang es an 3 Tagen ca. 25 Acts zu hören.
 
Was war neu?
 
Auffallend war beim Betreten der Halle, die spartanische Ausstattung mit Bierbänken im Parkett: Das entpuppte sich jedoch durchaus als Vorteil – das „Handtuch auslegen/Plätze sichern“ wurde reduziert und ermöglichte - durch schlichtes Umdrehen auf den Bänken - die zusätzliche Bühne inmitten des Publikum Blocks.
 
Neu war das umgestaltete Festivaldorf: sehr gelungen die Dorf-Bühne mit einem buntem Programm vor allem regionaler Musiker, weniger erfreulich der verschwundene Aufenthaltsbereich mit Stehtischen, Hockern etc. direkt an der Halle. Neu waren die vielen Spielstätten: alt bekannt die Röhre, das Naturschwimmbad, die Musikschule und die Josef-Kirche, neu das Schlosstheater, eine Insel im Schlosspark, das Peschkenhaus sowie das Rathausfoyer.
 
Die Musik:
 
Ein roter Faden war schwerlich zu finden, stattdessen harte Brüche und starke Kontraste, die aber bereitwillig vom Publikum goutiert wurden. Tim Isfort hat dem „Geist des Festivals“ nachgespürt: Verbindendes Element war die Suche nach Neuem, Überraschendem, nach der Kreativität und Vielfalt der aktuellen Musik, - das war pragmatisch und ausreichende Klammer für ein spannendes Musikfestival. Das Element des „Verstörenden“ – benannt im Programmheft und Ankündigungen – war auf jeden Fall ebenfalls ausgeprägt; der Erfolg der US-Band SWANS wurde gar daran bemessen, dass bis auf 300 Hörer alle die Halle verließen, -vor allem wegen der Lautstärke.
 
Gewohnt sperrig klang Anthony Braxtons ZIM SEXTETT; zwei Trios rangen dem inflationärem Format Piano-Bass-Drums neue und überzeugende Facetten ab: De Beeren Gieren aus Belgien sowie einer der „Headliner“, THE BAD PLUS. Pianist des letztgenannten Trios, Ethan Iverson, war mit einem Soloprogramm im Rathausfoyer zu erleben: Der Raum versprühte noch den Charme einer Wartehalle, wo man geneigt war eine Nummer zu ziehen, dennoch schaffte er es, auch dort für ein kammermusikalisches Highlight zu sorgen. Beim Goutieren der Moers Session im Park – Zielgruppe erfahrene Free-Jazz-Hörer – kam der Gedanke, ob Solopianist Ethan Iverson hier nicht besser aufgehoben wäre, um die vorbei spazierenden Moerser für Moers Musik zu begeistern. So hörte man dort Zwischenrufe vom Weg wie „Ich brauche die Nummer vom Festivalleiter, ich will mich beschweren ...“, aber auch hier: Das Verstörende ist Konzept?
 
Highlights und Entdeckungen gab es reichlich, beispielhaft zu nennen wären: das Projekt vom Artist in Residenz John-Dennis Renken & Tribe. Sein bewährtes ZODIAK Trio mit A. Wahl/B. Oeszevim ergänzte er um die Bläserinnen A. Niescier/S. Barnett. Heraus kam ein durchaus neues Klangkonzept, mitreißend und präzise, ein Highlight des Festivals. Hohe Improvisationskunst boten auch die Pianistin Sylvie Courvoisier, die hier auf Altmeister Evan Parker am Sopran und I. Mori (electronic) stieß. Für Moerser Verhältnisse ungewohnt melodisch ging die isländische Gruppe ADHD ans Werk. Ein Schlagzeug-Duell in Mitten der Halle lieferten sich Carolin Pook mit Achim Krämer im Quartett mit dem kraftstrotzenden Sax von P. Araklian, untermalt vom Elektronikkünstler A. Zepezauer. Beeindruckend war auch der Auftritt des US-„Crossover“-Pianisten ELEW, der den Flügel im Saal der Musikschule derart erbeben ließ, dass dieser vor dem Ende des Sets resigniert seine Stimmung verlor … Jan Klare kuratierte wiederum die Sessions, wo es zu interessanten, internationalen Begegnungen von Improvisationskünstlern kam. Drumlegende Brian Blade präsentierte sich mit seinem Blues/Singer/Songwriter Projekt „Mama Rosa“ ausschließlich als Sänger und Gitarrist, ungewohnt, aber durchaus unterhaltsam, - der eine oder andere Besucher hätte ihn lieber in anderer Konstellation trommeln gehört. Schillernd waren auch die 5! Musiker des brasilianischen „Satanique Samba Trio“ im Schlosstheater, die zwar nach „Metall“ aussahen, aber mit viel Spielwitz Songs und Genre zerlegten und neu zusammenfügten, u.a. den „One Note Samba“. Es ließen sich noch einige hörenswerte Acts benennen, die auch in der Abfolge höchst kontrastreich der Aufmerksamkeit des überwiegend begeisterten Publikums einiges abverlangten. Das auch die jazzigen und „melodischeren“ Bands (ADHD, THE BAD PLUS, De Beeren Gieren, …) auf Begeisterung stießen, offenbarte schon das Bedürfnis – zumindest zwischendurch – nach weniger verstörenden Sounds, nach Struktur und Harmonie, wie komplex auch immer. Wo dann mehr Kreativität zu finden ist, darüber kann man trefflich streiten. Was man vermissen konnte, waren allenfalls Bands, die ein solch breites Spektrum in sich vereinigen, wie es vor Jahren z.B. John Zorn schaffte.
 
 
Festivalfeeling
 
Das Festivalfeeling ist mehr als die Rezeption von mehreren Konzerten an einem bzw. mehreren Tagen: In Moers kann man eintauchen in Musik, dem Alltag für 4 Tage entkommen, mit anderen Musikenthusiasten kommunizieren. Vor allem das Verweilen vor Ort macht das Festival zu einem runden Event: Zum Entspannen zwischendurch Schwimmen gehen, in Tonträgern oder Musikliteratur wühlen, durch das durchaus charmante Städtchen flanieren etc. . Im Gegensatz zum Moerser Tim Isfort habe ich einige Male das Festival inklusive Zelten genossen. Seit Rückbau der Buden- und Party-Zeltstadt sowie Zugangskontrolle des Campinggeländes ist Zelten wieder eine gute Alternative geworden (kleiner Wermutstropfen: nur ein Herren-WC).
 
Mein persönliches Festivalbonbon: Die An-/Abreise mit dem Rad von Dortmund entlang der Ruhr (ca 2x110km): Auch hier kann man eine zum Teil verstörende urbane Schönheit (des Ruhrgebiets) genießen … und vor Ort macht sich das Rad bezahlt, um die verstreut liegende Konzertorte zügig erreichen zu können.
 
Fazit
 
Moers 2017 bot wiederum ein tolles Programm, guten Sound und eine professionelle Abwicklung. Es wurde ein Festival für Musikenthusiasten und durch das erweiterte Konzept mit zahlreichen Eintritt-frei-Angeboten ein Festival für die Bürger der Stadt.
 
Der ausgeschiedenen Reiner Michalke wurde im www reichlich gewürdigt, u.a.: „Du hast das Festival nach Burckhard Hennens Weggang spannend und würdig weitergeführt! Alle Jahre waren neue spannende Impulse und ich hatte weiterhin das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein. Und Moers ist immer noch einzigartig in seiner Konzeption.“ Das Gleiche kann man Tim Isfort & seinem Team für das Moers Festival 2017 bescheinigen. Gratulation!
 
 
Text: Günter Maiß
Fotos: Kurt Rade & Günter Maiß
 
PS: Der Selbsthilfegruppe „Wege aus dem Jazz“ habe ich mich noch nicht angeschlossen, der Leidensdruck ist noch nicht groß genug! Vielleicht lädt mich Tim mal zu einer Sitzung ein ….

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„Carl Palmer's ELP Legacy“ - ProgRock Legende Carl Palmer mit seinem Trio im „domicil“ in Dortmund am 11.04.2017
 
Carl Palmer – dr.
Paul Bielatowicz – gi.
Simon Fitzpatrick – bg,
chapman stick
 
Mit Carl Palmer kam eine absolute Drummer-Legende der ProgRock -Szene ins Dortmunder domicil. Vor allem die (vielen) älteren Besucher schätzen ihn als virtuosen Schlagzeuger und als Mitglied und Mitbegründer von EMERSON, LAKE & PALMER.
 
Carl Palmer verband schon früh das klassische Spiel eines Gene Krupa mit seinem eigenen kraftvoll-rockigen Stil. Diese Flexibilität hat er auch in einigen Stücken beim Konzert am Dienstagabend im domicil unter Beweis gestellt. Mit der CARL PALMER ELP LEGACY brachte er die tiefe Verbundenheit zu seinen – beide 2016 verstorbenen - Freunden Emerson & Lake zum Ausdruck. CARL PALMER ELP LEGACY interpretierte das Repertoire von ELP instrumental und höchst eigenwillig. Statt Keyboards gibt es eine E-Gitarre, was den Gesamtsound schon grundsätzlich änderte. Als Bandmitglieder hat er Paul Bielatowicz an der Gitarre und Simon Fitzpatrick – bg, chapman stick gewinnen können. Beide Musiker sind absolute Virtuosen, die vor allem durch ausgereifte tapping – Technik (dem Anschlagen der Saiten auf dem Griffbrett statt Zupfen mit Fingern oder Plektrum) zu glänzen wussten. Der Londoner Bassist Simon Fitzpatrick spielte neben seinem 6 String Bass auch den „chapman stick“, ein Saiteninstrument mit je nach Modell 8 bis 12 Saiten, das beidhändig mit der tapping gespielt wird.
 
Palmer destillierte aus dem ELP-Repertoire die markanten Themen und bombastischen Parts, die druckvoll von seinem Trio in kompakte Stücke verwandelt wurden. Das Dortmunder Publikum nahm mit Begeisterung die bekannten ELP-Themen auf, wie z.B. „Pictures at an exhibition“, „Jerusalem“, „Trinity“ oder auch „America“ von Leonard Bernstein. Auf Greg Lakes Klassiker „Lucky Man“ vermisste so mancher „Greyhead“ den prägnanten Gesang von G. Lake, dafür steuerte Fitzpatrick auf seinem Chapman Stick recht authentisch das Synthesizersoli von Keith. Für Begeisterung sorgte auch die King Crimson Komposition „21 Century Schizoid Man“, auf der die Band im schnellen Part bewies, dass sie auch gehörig swingen kann.
 
Carl Palmer zeigte, -wie es auch Robert Fripp (Gitarrist der Genrevorreiter King Crimson) definierte - , das Progressive Rock weniger ein stringenter Stil, sondern eine Haltung ist.
 
Beim Konzert im domicil bewies er den Willen zur Neudefinition von ELP, die – 1970 gegründet - stilistisch revolutionär Rockmusik mit klassischer Musik, Blues und Jazz verbanden.
 
Die Hörer, die nicht mit der Erwartung kamen, eine ELP – Coverband zu hören, haben mit Begeisterung ein knapp 2 stündiges Feuerwerk der frappierend vitalen 67 jährigen Drumlegende Carl Palmer erlebt.
 
Veranstalter des Konzert war die Essener Konzertagentur Impuls Promotion, die mit Jan Ackermann im Winter 2017 eine weitere Legende ins domicil holen wird.
 
Text & Fotos: Günter Maiß

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Christine Corvisier CC5 am 31.3.17 im domicil Dortmund

Sebastian Scobel - piano
Martin Schulte - guitar
Jakob Kühnemann - bass
Leif Berger - drums
Christine Corvisier - tenor sax
 
Ein beeindruckendes Konzert lieferte die Band um die aus Nizza stammende Tenorsaxofonistin Christine Corvisier am 31.3. im Dortmunder domicil Club. C. Courvisier, mit Wahlheimat Köln, ist eine wirkliche Bereicherung der NRW – Szene. Bereits mit 14 begann sie Saxophon zu spielen, studierte in Nizza/Frankreich und Amsterdam/NL, u.a. bei F. Povel. Einen weiteren Schub brachte der Gewinn des Preises “Young Talent of Alpes Maritimes”, welcher es ihr ermöglichte 2 Monate nach New York zu gehen, um u.a. mit Joshua Redman, David Binney and Donny McCaslin ihre Fähigkeiten zu erweitern.
 
2006 folgte die Gründung ihres Quintetts CC5; 2010 ließ sie sich in Köln nieder, wo sie CC5 mit den besten Musikern der Region neu formierte, - und das war beim Konzert im domicil deutlich zu hören: Traumwandlerisches Zusammenspiel und solistische Glanzlichter überzeugten rundum.
 
S. Courvisier zeichnete sich allein verantwortlich für das markante Repertoire der Band, wobei sie sich auch Bearbeitungen französischer Chansons wie dem Edith-Piaf-Klassiker „La vie en rose“ einfließen lässt. Ihre einprägsamen Eigenkompositionen nutzen geschickt die beiden Harmonieinstrumente g/p, die mal unisono, mal mehrstimmig ein spannendes, harmonisch-melodisches Gerüst bilden. Im domicil wurden Bearbeitungen und Widmungen präsentiert, u.a. „My Favorite Things“ an Coltrane, „Groove in den Mai“, eine funky – Widmung an LesCann und „Now“: Letztere Komposition ist Ihrer 4 Jährigen Tochter und dem Moment gewidmet, endlich, - eben „Now“ - Zeit zum Schreiben zu haben!
 
Als Solistin glänzte sie - neben dem Gitarrenvirtuosen Martin Schulte und atmosphärischen Pianosolos von Sebastian Scobel - mit einem ausgereiften Tenorsaxofonsound und dramaturgisch schlüssigen Beiträgen.
 
Beachtlich war beim Dortmunder Konzert das Agieren des Rhythmusgespanns - Jakob Kühnemann am Bass und Leif Berger an den drums – die sich derart perfekt einbrachten, dass man kaum glauben konnte, dass sie als Ersatz für die regulären CC5 -Mitglieder D. Anders/T. Sauderborn einsprangen. CC5 bot einen höchst unterhaltsamen Abend mit modernen Jazz, der gleichsam mit einprägsamen Melodien/tracks und Tiefgang überzeugte.
 
PS: In der Konstellation mit CC/Schulte/Scobel/Anders/Sauderborn (+ Filippa Gojo -voc) wurde auch Ihre letzte CD „Reconnaissance“, die 7. CD von C. Courvisier, eingespielt, - hörenswert wie das Konzert! Die CD ist erscheinen auf „unit records“ und über ihre website zu beziehen.

http://www.christinecorvisier.com
 
Fotos & Text (c) Günter Maiß

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10|01|2017 domicil Dortmund
 
Eva Klesse Quartet feat. Julia Hülsmann / Phil Donkin / Verneri Pohjola, im domicil in Dortmund
 

Modern Jazz mit der diesjährigen Westfalenjazzpreisträgerin Eva Klesse
 

Eva Klesse - drums
Julia Hülsmann - piano
Phil Donkin - bass
Verneri Pohjola - tp
 

Schlagzeugerinnen sind bisher eher in der Minderheit in der Jazzszene, als Bandleaderin zudem: Eine der letzten Drummerinnen im domicil war Cindy Blackman-Santana, die mit virtuosem tom-tom-Donner in reichlichen Drum-Solis für Furore sorgte. Eva Klesse ist eine ganz anders agierende Schlagzeugerin, allerdings so überzeugend in ihrer Musikalität, dass die Jury mit dem künstlerischen Leiter des Jazzfestivals Münster, Fritz Schmücker, den Programmmachern Waldo Riedl (Jazzclub domicil) und Lena Jeckel (Bunker Ulmenwall) ihr den Westfalen-Jazz-Preis 2017 verliehen (gestiftet von der Imorde GmbH).
 

In der Begründung heißt es: „Eva Klesse beeindruckt mit einem dynamischen Spiel, beherrscht feinste Nuancen und zarteste Töne. Sie überzeugt als Schlagzeugerin, Bandleaderin und Komponistin. In ihrem seit vier Jahren bestehenden Quartett prägt sie die Musik, eröffnet aber zugleich ihren Mitspielern alle Möglichkeiten, sich zu entfalten. Am Ende entsteht ein eigener Gruppensound auf Augenhöhe. Eva Klesse ist kreative Gestalterin mit identifizierbarer Handschrift und kongeniale Partnerin zugleich.“
 
Beim Festival in Münster trat sie mit ihrem „regulärem“ Quartett (Evgeny Ring-as, Philip Frischkorn-p, Robert Lucaciu-b) auf, der Preis ermöglichte ihr zwei weitere Auftritte mit einer Wunschband. Bei der Auswahl bewies sie ein sicheres Gespür für eine überzeugende Besetzung, die nach einer Probe und einem Konzert im Dortmunder domicil einen faszinierenden Auftritt hinlegte. Als Mitmusiker hat sie die Pianistin Julia Hülsmann ausgewählt, die zu ihren absoluten Lieblingsmusiker gehört; kennengelernt haben sich die beiden auf Workshops, durch die Zusammenarbeit im Berliner Jugendjazzorchester, das Julia leitete, und weitere Bandkooperationen. Den finnischen Trompeter Verneri hat Eva durch ein Konzert mit dem Quartett des Kölner Posaunisten Janning Trumann im Juni kennengelernt, Phil Donkin bei einem Konzert mit der Band der kanadischen Trompeterin Ingrid Jensen.
 

Das neue Quartett agierte derart interaktiv und mit perfektem Zusammenspiel, exakten Melodieführungen, überraschend abrupten Enden, dass man glauben musste, hier arbeitet eine Working Band seit Jahren zusammen. Eva Klesse war stets in Spannung und Höchstkonzentration, ständig pulsierten die Beine, um feinste Nuancen und Impulse beizusteuern, - kein schlichtes Timekeeping, sondern modernes Schlagzeugspiel war zu hören. Julia Hülsmann, seit Jahren feste Größe der deutschen Jazzszene, steuerte ebenso wie Trompeter Verneri Pohjola Stücke bei, alle drei Begleiter überzeugten mit ihren Soli, insgesamt stand jedoch ein Bandsound im Vordergrund, der geschickt packende Melodien, interessante Harmonien und Strukturen jenseits eines gängigen Mainstreams verband.
 

Das Quartett von Eva Klesse mit Evgeny Ring-as, Philip Frischkorn-p, Robert Lucaciu-b hat 2016 eine wunderbare CD bei enja vorgelegt: „Obenland“!
 
Die nächsten Auftritte von Eva Klesse (mit ihrem Quartett bzw mit der Band „Trillmann“ / dem Trio „No Kissing“ mit Werner Neumann / …):
 

17.1.2017 Trillmann @ Jazzschmiede, Düsseldorf
18.1.2017 Trillmann @ Golem, Hamburg
27.1.2017 Eva Kruse Band @ Bayreuth
03.2.2017 No Kissing @ Wiesbaden, Jazz im Rudersport
18.2.2017 Eva Klesse Quartett @ Bremen, Sendesaal
10.3.2017 Eva Klesse Quartett @ Düsseldorf, Jazzschmiede
17.3.2017 Eva Klesse Quartett @ St. Thomas Blues, Leipzig
18.3.2017 Eva Klesse Quartett @ Düren, Komm
25.3.2017 Eva Kruse Band @ Emsdetten
31.3.2017 Julia Ehninger Band @ Café Tasso, Berlin
13.4.2017 Jorinde Jelen Band @ Homunkulus, Hiddensee
14.4.2017 Jorinde Jelen Band @ Studiobühne, Theater Stralsund
15.4.2017 Jorinde Jelen Band @ Grundvighaus, Sassnitz
29.4.2017 Eva Klesse Quartett @ jazzahead, Bremen
 

„Eva Klesse, geboren 1986 in Werl (NRW) … studiert(e) das Fach Jazzschlagzeug an den Musikhochschulen Leipzig, Weimar und Paris, und beendete 2013 ihr Studium in Leipzig mit zweifachem Diplom (künstlerisch/pädagogisch) mit Auszeichnung. Von 2014 bis 2016 erhielt sie ein Stipendium des DAAD für ein Studium an der New York University, welches sie im Mai 2016 mit einem Master of Music abschloss. Zur Zeit ist Eva Klesse in einem Meisterklassestudium an der HMT Leipzig immatrikuliert.“ Quelle *
 

 

Fotos / Text: Günter Maiß

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„Jaga Jazzist“ im „domicil“ in Dortmund

Nu-Jazz & Rock Grooves aus Norwegen (Ninja Tune) plus Support: Aiming for Enrike
 
Ein furiosen Abschluss der Dortmunder JAZZTAGE, veranstaltet vom domicil in Kooperation mit dem Kulturbüro der Stadt Dortmund, boten zwei norwegische Ensembles: Jaga Jazzist und als „Support“ Aiming for Enrike.
 
Eröffnet wurde der Abend durch das Duo „Aiming for Enrike“, das sind Tobias Ørnes Andersen und Simen Følstad Nilsen an Schlagzeug und Gitarre. Mit reichlich Distortion und Dezibel (Ohrstöpsel waren angesagt) betörten die beiden Osloer Musiker mit Hardcore-Electro-Funk-Rock!
 
Das Konzert war, wie für ein Rockkonzert üblich, unbestuhlt, das Duo spielte ebenerdig vor der Bühne.
 
Der Aufbau auf der Bühne ließ erahnen, dass es klanggewaltig weiterging: Mehr als 8 Keyboards, (insbes. analoge Synthesizer), 3 E-Gitarren, Bassgitarre, Schlagzeug, Saxofone, Bassklarinette, Posaune, Tuba, Flöte und Vibrafon u.a. standen bereit.
 
Die acht Musiker von Jaga Jazzist boten dann auch eine fulminate und höchst originelle Kombination aus Nu-Jazz, Electronica und Progressive Rock. Assoziationen – ist es eine Mixture aus Frank Zappa und Alan Parson oder doch Softmachine und Satie oder …? - wurden binnen Sekunden eliminiert, um in neue Klanggefilde entführt zu werden. Hauptsongwriter von Jaga Jazzist ist Lars Horntveth, der die Band bereits 1994 gründete.
 
Beeindruckend war auch die Lichtshow mit dutzenden in der Farbe changierenden Lichtstelen.
 
Die Musiker von Jaga Jazzist überzeugten mit einer excellenten Bühnenpräsenz, die sich auch darin zeigte, das trotz vertrackter Songs kein einziges Notenblatt auf der Bühne zu entdecken war, welches angesichts einer zuweilen düsteren, dann flackernd grellen Lichtshow auch kaum zu lesen gewesen wäre.
 
Jaga Jazzist präsentierte vor allem Songs ihrer letzten Albums (ja, das gibt es auch als Vinyl) "Starfire", ein tiefgründiges und berauschendes Album, das einen in andere Sphären katapultiert, - so wie es auch das Konzert schaffte. Ein gelungener Abschluss der Dortmunder Jazztage, der einmal mehr offenbarte, dass Jazz vor allem da spannend ist, wo es auf andere Genre trifft.
 
 
Text &Fotos: Günter Maiß

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„Charles Lloyd Quartett“ im domicil in Dortmund
 
12|11|16 - Jazz Top Act im Rahmen der Dortmunder Jazztage mit
 
Charles Lloyd tenorsax/flute
Gerald Clayton piano
Reuben Rogers bass
Kendrick Scott drums
 
Der 1938 im Memphis geborene Saxofonisten ist ein wirkliches Phänomen, sowas wie ein Kamasi Washington der 60er Jahre!? Mit 9 Jahren begann er Sax zu spielen, erste Erfahrungen sammelte er in Blues Bands, es folgten ein Musikstudium an der University of Southern California, Bandmitgliedschaften bei Gerald Wilson und Cannonball Adderley. In der Band von Chico Hamilton wurde er rasch zum musikalischen Leiter, dort traf er auf Gabor Szabo, mit dem er 1965 seine 2. LP„Of Course, of Course“ (nach „Discovery C.L ...“ 1964) aufnahm. Mit dem aus Ungarn emigrierten Gitarristen Gabor Szabo verband Lloyd eine prägende musikalische Allianz und Gemeinsamkeit: die Offenheit gegenüber folkloristischen Elementen, das Gespür für starke Melodien, die Reduktion und Transparenz der Ausdrucksmitteln, - gut nachzuhören auf den wunderbaren impulse Alben von Hamilton. Zum „Jazzstar“ a la Kamasi wurde Lloyd Mitte der 1960er Jahre mit seinem Quartett mit den illustren Mitgliedern Keith Jarrett, Cecil McBee (bzw. Ron McClure) und Jack DeJohnette. Nach Auftritten in Europa, auf dem Newport und dem Monterey Jazz Festival wurde das Quartett aufgrund geschickten Marketings und breit gefächertem Repertoires extrem populär: Er spielte eine neue Mischung aus modernen, modalem Jazz mit Rock und folkloristischer Musik (heute würde man Weltmusik sagen). In einer Zeit, wo viele Jazzhörer sagten, „das kenn' ich irgendwie schon“ oder „das will ich nie mehr hören“ schaffte er es, mit einer neuen Jazzfusion mit z.T. absolut atonalem FreeJazz selbst in Fillmore West, wo sonst fast ausnahmslos Größen aus der Rockmusik gastierten, das Publikum zu begeistern.
 
Charles Lloyd ist ein sehr spiritueller Mensch, nicht verwunderlich, dass seine Karriere durch einen Rückzug Ende der 60er Jahre aufs Land und Tätigkeit als Meditationslehrer ein abruptes Ende fand. Michel Petrucciani überredete ihn in den 80er zu einem Comeback, Konzerte und wunderbare Alben vor allem auf Manfred Eichers ECM Label (mit Bobo Stensson, Geri Allen, Jason Moran, John Abercrombie, Dave Holland, Billy Hart, Billie Higgins u.v.a.) dokumentieren seinen neuerlichen, nachhaltigen Erfolg.
 
Im domicil in Dortmund trat er 1995 erstmalig auf, nun im neuen domicil das 2. mal, wiederum mit einem hochkarätig besetztem Quartet mit dem Bassisten Reuben Rogers, dem Pianisten Gerald Clayton und dem Drummer Kendrick Scott (Crusaders, Kurt Elling, Pat Metheny u.v.a.). Die Musik der Band war von großer lyrischer Kraft. Vor allem Clayton schaffte es durch packende, hochvirtuose Soli die Spannung zu halten bzw. zu steigern.
 
Das Saxofonspiel von C. Lloyd ist unverwechselbar. Es ist weniger durch swingende, gleichförmige Notensetzungen sondern vielmehr von hymnischen Melodien geprägt; geschickt setzt er Zieltöne, die er oftmals mit fließenden Glissandi, auf- oder absteigende Tonfolgen über große Intervalle, verbindet.
 
Bert Noglik schrieb über einen der „letzten Mystiker des Jazz": In seiner Musik findet sich beides: meditative Konzentration und ekstatische Verausgabung. Charles Lloyd singt auf seinem Saxophon, und er erzählt Geschichten, die sich mit einem an Erfahrungen reichen Leben verknüpfen."
 
Der Auftritt im ausverkauften domicil war ein absolutes Highlight im Rahmen der Dortmunder Jazztage.
 
Empfehlenswert ist auch das filmische Portrait über Charles Lloyd "Arrows Into Infinity": „Der Film dokumentiert das Leben von Charles Lloyd mittels reichhaltigem (teils nie zuvor gezeigtem) Archivmaterial, Interviews und viel faszinierender Musik“ … und kritischen Worten zum Musikbusiness.
 
Weitere Termine im Rahmen der Dortmunder Jazztage folgen noch bis Anfang Dezember. www.domicil-dortmund.de
 
Fotos/Text © Günter Maiß

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WAY BACK HOME Tour - STEVE GADD BAND | Mole Trio
 

„Legends on Stage“ im Fritz-Henßler-Haus Dortmund
 

Ein Konzert Highlight des Jahres präsentierte das Fritz-Henßler-Haus am 23.9.2016: Im Rahmen seiner Europatournee gastierte Schlagzeuglegende STEVE GADD mit seiner Band im geschichtsträchtigen Saal, der schon eine Vielzahl von Legenden eine Bühne bot.
 

Als „Support“ gab es vorab das „Mole Trio“ (Philipp Humburg – Gitarre, Niklas Tikwe – Bass, Malte Weber - Schlagzeug), ein Gitarrentrio, dass sich 2014 an der Folkwang Universität in Essen gefunden hat. M. Weber hat vor seinem Studium an der Folkwang Universität mehrere Jahre in der Big Band der Glen Buschmann Jazzakademie getrommelt. Das Mole Trio gewann den Sonderpreis der Carl Dörkenstiftung beim Jazz@undesigned Wettbewerb. Die Band bot Fusion und energiegeladenen Sraight ahead Jazz auf hohem Niveau, - ein Warmup mit groovigen und kurzweiligen Songs wie Goodbye Porkpie Hat (Mingus) und Manic Depression (Hendrix), dass das Publikum bestens auf die „Legenden“ einstimmte.
 

Steve Gadd ist unbestritten ein Weltstar unter den Schlagzeugern. Jahrgang 1945, mit drei !!! erhielt er die ersten drumsticks, seine Discographie umfasst mehr als unglaubliche 750 Alben, zum Ruhm trugen unzählige Welttourneen u.a. mit Paul Simon, Frank Sinatra, Joe Cocker, Eric Clapton, George Benson, Chet Baker bei. Chick Corea sagte über ihn: "Jeder Schlagzeuger möchte wie er spielen, denn er spielt perfekt."
 

In der Bandankündigung dokumentierte Veranstalter Bernd Weber den Ruhm des drummers durch eine schlichte Abfrage, welche Besucher denn Schlagzeuger seien: Gefühlte 150 Finger gingen hoch, drummer Petzi kommentierte das mit “ … wenn hier eine Bombe hoch geht, hätten 50% der NRW Bands ein Problem …!“.
 

STEVE GADD ließ es sich nicht nehmen, eine absolut hochkarätige Band für die Tour zusammenzustellen: Die Bandmitglieder könnte man fast allesamt als weitere Musiklegenden bezeichnen: Zu hören waren der Gitarrist Michael Landau, Jimmy Johnson am E-Bass, Walt Fowler an Trompete und Flügelhorn und Kevin Hays an den Keyboards. Vor allem Letzterer überzeugte mit seinen Solis am Fender Rhodes Piano. Auf „Country“ von Keith Jarrett steuerte Bruce Fowler ein wunderbar melodisches Flügelhorn Soli bei, seine Komposition „Dukes Anthem“ widmete er George Duke.
 

Das Konzert überzeugte nicht nur die Schlagzeugfans. Mit einer Melange aus Fusion, Funk, Soul und Jazz wusste die Band zu begeisterten. Angesichts moderater 15 € Eintritt war das Konzert auch frühzeitig ausverkauft.
 

Weitere Konzerte vom Mole Trio: http://www.moletrio.de
25.10 Hochschule Osnabrück Jazzlounge
16.11 - WDR 3 Campus Jazz
 

Text & Fotos:Günter Maiß

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Hartmut Kracht Trio plus Tom Lorenz live im domicil Dortmund

Hartmut Kracht - el-guitar
Tom Lorenz – vibes, perc
Stefan Werni - bass
Patrick Hengst - drums

Hartmut Kracht, Jahrgang '57, Essener Jazzlegende, ist immer für eine Überraschung gut: Regelmäßige domicil Konzertbesucher kennen ihn als Kontra-Bassisten diverser Bands, vor allem in Zusammenarbeit mit Jan Klare (Das Böse Ding, Supernova, The Dorf), er trat mit einem ausgefuchstem Kontrabass Solo Programm auf, 1999 erschien die CD „Kontrabass pur“. Dann griff er zur 

Bassgitarre und seit einigen Jahren beschäftigt er sich wieder mit seinem anfänglichen Instrument, der E-Gitarre, die er im eigenen Trio und im Quartett mit Eva Kurowski spielt.
Im domicil trat er mit seinem Trio mit Stefan Werni und Patrick Hengst auf. Als Gast und vollintegriertes 4. Mitglied war der Vibrafonist Tom Lorenz, ebenfalls Ex -“Das Böse Ding“, dabei.

Das Repertoire der Band umfasst poetisch-humorvolle Jazzbearbeitungen von Stücken deutscher Komponisten. Hans Hielscher im „Kulturspiegel“: "Wie die Melodien von George Gershwin und Richard Rodgers bieten auch Stücke von Theo Mackeben und Friedrich Hollaender bestes Material für Jazzmusiker: 'Bel ami' und 'Ich bin die fesche Lola' dekonstruiert und reharmonisiert. Gitarrist Kracht schafft das überzeugend mit seinen Partnern Stefan Werni (Bass) und Patrick Hengst (Schlagzeug)." Das Trio veröffentlichte 2010 die CD "Hommage" mit diesem Repertoire (Label: JazzSick), als Quartett ist (leider) keine CD geplant, - zu schlecht sind die Verkaufszahlen in Zeiten, wo viele Hörer meinen, Musik müsse umsonst zu beschaffen sein.

Neben dem harmonisch raffinierten bis eruptiven Soli des Leaders erwies sich der Düsseldorfer Tom Lorenz am Vibraphon als grandioser Solist und Begleiter. Er erweiterte die harmonischen Klangmöglichkeiten und bereichert die Arrangements und Improvisationen, die sich mal schwebend, mal explosiv mit dem poetisch-melancholischen sowie humorvollen Charakter der Originale verbanden.

Die Band spielte quasi unplugged und ohne Monitore, - außer dem Ansage Mikro kam alles aus der Backline (g + b), das Vibrafon und die drums waren unverstärkt. Der domicil Club erwies sich für derartige natürliche, unmittelbare Beschallung als bestens geeignet.

Hartmut Kracht hat auch seinen Sound verändert. Er ersetzte seine Jazzgitarre durch eine Gibson SG 61 Reissue Gitarre (Santana spielte die SG auf dem Woodstock Festival u.v.a.). Die SG war eine Reaktion von Gibson auf die Fender Stratocaster: sie sollte nicht nach Jazzgitarre aussehen, mit den Humbucker – Tonabnehmern bietet sie ein fettes Klangbild mit einer kernigen Note. Die SG setzte sich auch in lauteren Passagen hervorragend durch, - gerade verzerrt ließ H. Kracht sie zur wirklichen Form auflaufen!

Mit Stefan Werni und Patrick Hengst war ein perfekt eingespieltes Ryhtmusgespann im Einsatz. Beide wussten auch solistisch zu glänzen, schön auch das Drums-Perkussion Duo mit T. Lorenz. Insgesamt ein kurzweiliger Abend mit Top-Jazzern der Ruhrgebietsszene.

Fotos & Text: Günter Maiß

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Die Festival Besprechung:  „Moers Festival 2016“

Das Moers Festival gehört zweifellos zu den renommiertesten Musikfestivals in der Welt, 2016 in der 45. Auflage nach bescheidenen Anfängen im Schlosshof, vielen Jahren unter der Leitung von Burghard Hennen, nun in der 11. Auflage mit dem künstlerischen Leiter Reiner Michalke.

Die Location
Das Festival hat einige räumliche Stationen durchlaufen: Openair im idyllischen Park, Eissporthalle, und viele Jahre im Zirkuszelt im Park. Mit dem Umbau der Tennishalle als neue Spielstätte seit 3 Jahren, ist es gelungen für knapp 2000 Besucher optimale Hör- und Sichtverhältnisse zu schaffen, 2016 nochmals durch akustische Maßnahmen nachgebessert. Licht und Beschallung waren trotz knapper Umbauzeiten top, selten waren Jazzmusiker optisch und klanglich so eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Nostalgie
Der Umzug vom Zelt bzw. der Openair-Bühne im Schlosspark hat nicht nur Befürworter. Einige wünschen sich die Idylle mit der großen Rasenfläche um das Zelt und der angrenzenden Zelt-, Party- und Marktstände-Kleinstadt zurück. Für diejenigen, die vor allem Musik hören wollen, ist der Umzug allerdings eher ein Gewinn. Für die Zelter ist eine ruhige Fläche in dem im Umbau befindlichen Freibad eingerichtet,- Zugang nur mit Festivalticket: Die vielen Partygäste müssen draußen bleiben und die kamen erst gar nicht nach Moers, was aus tourismuswirtschaftlicher Sicht vielleicht ein Verlust ist, aber dem Festival wieder zu mehr Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche ermöglichte sowie der Stadt weniger Parkverwüstung einbrachte. Nun sind Speisen, Getränke und sonstige Shops mit Schmuck, kultigen Outfits etc. auf ausreichende 60 Stände – außerhalb des Festivalgeländes und für jeden zugänglich - reduziert worden.

Die Musik
Große Anerkennung und Zufriedenheit gab es bezüglich des Programms, vom Programmmacher über das Publikum bis hin zu ersten Pressestimmen. Die Mischung stimmte, neue Trends und Bands, (Avantgarde, Elektronik, Free Impro, Noise, weniger Weltmusik als ehemals …), aber auch Bewährtes stand auf dem Programm. Nach Moers fahren die wenigsten aufgrund der Weltstars/des „Name dropings“, man freut sich über Neues und hier bisher Ungehörtes, das Reiner Michalke recherchiert oder in New York, Kuba oder sonst wo live erlebt hat. Glanzlichter gab es einige, besonders beeindruckend und höchst unterschiedlich die beiden Ensembles aus Kuba: Das Klaviertrio der Nussa Brüder + Y. Morejon-Pino sprühte vor Energie und Spielfreude, der vergleichsweise leicht zu goutierende Latin-Jazz riss die Hörer von den Stühlen. Deutlich akademischer kam das zweite Kubanische Ensemble über die Bühne: David Vireiles merkte man seine Lehrjahre (seit seinem 18. Lebensjahr) in NewYork an, den Kuba-Bezug stellte vor allem Sänger und Congaeiro Roman Diaz her. Eher enttäuschend empfanden viele den Auftritt des vermeintlichen Stars des Festivals: Cassandra Wilson kraftvolle Alt-Stimme schwebte zwar überzeugend über dem elektrischen Klangteppich des Harriet Tubmann Trios, insgesamt wirkte der Auftritt des illustren Trios aber konzeptlos und unausgereift. Glanzpunkte waren das Zapptett von Tim Isfort sowie die glänzend eingespielten Großformationen „No BS!Brass Band“ aus Virginia/USA sowie das Subway Jazz Orchester, das monatlich im Kölner Subway zu hören ist. Ein Baustein des Festivals ist der jährlich wechselnde Artist in Residence, diesmal war es die Geigerin Carolin Pook, die seit Januar in Moers lebte und arbeitete. Sie eröffnete das Festival mit einem Violinen-Oktett, das im Grenzbereich von Neuer und improvisierter Musik agierte. Weiterer Baustein neben dem Programm in der Halle sind die „morning sessions“ in der Musikschule, 2016 wiederum kuratiert von Jan Klare. Als Glücksgriff erwies sich die Integration des Trios der Nussa Brüder: Harold Lopez Nussa legte mit den b/dr Gespann Vatcher/Morsey einen für ihn sicherlich ungewohnten Avantgarde-Piano-Trio-Set unter Einflechtung einiger Latin-Melodielinien hin, während sein Bruder Ruy Adrian zusammen mit dem Bassisten des Trios, Y.Marejon Pino, eine fulminante Begleitung für die wie gewohnt furios aufspielende Altsaxophonistin Angelika Niescier boten. Eine größtmögliche Dynamik mit spannenden Improvisations- und Rhythmusverläufen bot das Free-Impro-Sextett um die (Ruhrgebiets-)Künstler Camatta/Gabriel/Trumann/ Ludwig/Helm/Sauerborn. Und dann gibt es noch „Nebenreihen für Entdecker“. Die Röhre, ein Szene-Club & Veranstaltungsurgestein mit Nachtkonzerten sowie Konzerte in Kirchen, - hier beeindruckte u.a. Stian Westerhuis in einem Solokonzert mit einer bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten E-Gitarre.

Nebengeräusche
Erst im März war das Festival nach reichlichen Diskussionen um eine finanzielle Schieflage gesichert. Ein unmöglicher Zustand, der letztlich dazu führte, das R. Michalke bei der Abschlusspressekonferenz seinen Rücktritt vom Vertrag anbot, wenn es nicht gelingt, einen besseren Rückhalt in der Stadt zu realisieren. Musiker und viele Vertreter der Stadt und des Aufsichtsrat stellten sich nachfolgend auf die Seite vom künstlerischen Leiter: Reiner muss bleiben!
 
Die Stadt
In der Tat, was wäre das für eine Fehlentscheidung, sowohl das Festival in Frage zu stellen als auch einen so kompetenten Macher wie R. Michalke gehen zu lassen. Symptomatisch?: Das städtische Image-Prospekt ist zwar betitelt mit „Moers bietet mehr“, aber hinsichtlich Image und Alleinstellung hat Moers eigentlich nur das Festival zu bieten. Man schalte doch mal wenige Image-Anzeigen in der FAZ/ZEIT/Spiegel … Das Geld in Höhe des Festivalzuschusses würde recht effektlos verpuffen! Die lange Stadtgeschichte, eine nette Fußgängerzone, Bergbau, Natur, damit können viele Städte aufwarten. Vielleicht bezeichnend, das im besagten Prospekt erst auf Seite 16 (von 28) mit wenigen Zeilen und nur einem Foto das Festival berücksichtigt wird. Es bleibt, der Stadt zu wünschen, (endlich/wieder) dieses Juwel zu erkennen und gebührend zu unterstützen, selbst wenn man persönlich der dort gebotenen Musik wenig abgewinnen kann.

Das Publikum
Es waren 12.000 Besucher da, ausverkauft an allen Tagen. Somit ein voller Erfolg! Spannend ist die Auswertung der Umfrage: Ist es gelungen, auch ein junges Publikum zu erreichen, dem Augenschein nach überwogen die Grauhaarigen! Und die waren begeistert, keine Buhrufe (wie damals z.B. bei Rip, Rig & Panic mit Neneh Cherry, die dem intellektuellem Publikum viel zu poppig-rockig rüberkamen), sondern mehrfach Standing-Ovation! Was noch nicht immer funktionierte, war die in Mallorca-Handtuch-Platz-Sicherung, -hier wäre eine offizielle Handlungsempfehlung hilfreich, um zukünftig Unmut zu vermeiden und im ausverkauften Saal maximale Sitzmöglichkeiten zu ermöglichen.
Gebrauchsanweisung Moers Festival - „Das moers festival steht für Risikobereitschaft und den Mut zu Neuem und ist damit Garant für musikalische Entdeckungen jenseits des Mainstream.“ (Zitat Pressetext)- darum nicht nach Jazzgrößen im Programm suchen, sondern dem künstlerischen Leiter vertrauen und das Ticket frühzeitig kaufen („early bird“ & „save the date“!) - Zelten oder Übernachten vor Ort, damit ein richtiges Festivalfeeling aufkommt - Fahrrad mitbringen – um alle Locations gut erreichen zu können -... und so manch einer wird dann Yehudi Menuhins Spruch teilen: „Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude"


Text: Günter Maiß  Fotos: Kurt Rade

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Der Konzertbericht:

Das „Uwe Plath Quintett“ im domicil in Dortmund

Zvonimir Tot – Gitarre
Uwe Plath – Tenorsaxophon
Ryan Carniaux – Trompete & Flügelhorn
Matthias Akeo Novak- Bass
Silvio Morger - Drums

„Einen swingenden Jazz-Abend der Extraklasse mit einer internationalen Begegnung USA – NRW“ versprach die domicil Ankündigung, und den gab es in der Tat auch im gut gefüllten Saal des Dortmunder domicil. Die Band, die erstmals in der Konstellation für einige Auftritte zusammenkam, funktionierte blendend. Als Repertoire dienten wohlbekannte Standards wie „Skydive“ von Freddie Hubbard oder „How deep is the Ocean“, die den Solisten viel Freiraum für überaus individuelle und durchweg hochvirtuose Solis boten. Ergreifend war auch das Stück „Leaving“als Widmung an den viel zu früh (2015) verstorbenen ehemaligen 2. Vorsitzenden des domicils, Horst Ziemann.
Gitarrist Z. Tot nutzte die wunderbare Komposition „A child is born“ von Thad Jones für einen mehr melancholischen Balladenausflug im Trioformat. Überaus überzeugend interpretierte Z. Tot auch „Dance for Victor“, eine Komposition seines Gitarrenhelden Philip Catherine. Zvonimir Tot ist ein amerikanischer Jazzgitarrist, Komponist und Arrangeur mit europäischen Wurzeln. Er unterricht als Professor an der University of Illinois/Chicago, ist Gründer von Groove Art Records und u.a. Mitglied beim American Composers Forum. Er spielte u. a. mit Scott Hamilton, Billy Harper, Jamey Aebersold, Peter King und vielen anderen Jazzgrößen. Vor kurzem hat er eine neue »Jazz Guitar Education« Edition bei Jamey Aebersold in den USA herausgegeben.
Das Quintett war besetzt mit herausragenden Musiker aus NRW, z.T. ebenfalls in der Lehre verwurzelt: Der in Dortmunder lebende Saxofonist Uwe Plath studierte in den Niederlanden und den USA und ist seit 1997 vor allem als Dozent der Glen Buschmann Jazz Akademie Dortmund und als Gründer des »East West European Jazz Orchester« bekannt.
Der amerikanische Trompeter Ryan Carniaux studierte Jazz und Trompete am Berklee College of Music und ist seit 2014 Professor an der Jazzabteilung der Folkwang Hochschule der Künste in Essen. Ryan Carniaux spielte u.a. mit Benny Golsen, Eric Alexander , Peter Herbolzheimer, Manfred Schoof, Marc Murphy und gilt als einer innovativsten und aufstrebendsten Jazz-Trompeter der europäischen Jazzszene.
In der Rhytmusgruppe spielen der schweizerische Schlagzeuger Silvio Morger (Dee Dee Bridgewater, hr Big Band, Paul Heller u.v.a.) und der virtuose Bassist Matthias Akeo Novak, der den verhinderten Fedor Ruscuc, hervorragend ersetzte.
Auch wenn die Stilistik und das Repertoire 50 Jahre und älter sind: So perfekt und mitreißend gespielt, hört man Mainstream Jazz nur selten. Die Band bot einen überaus unterhaltsamen Abend, der auf große Begeisterung stieß.

Text & Fotos: Günter Maiß

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Olivia Trummer |09|04|16 im domicil Dortmund

Jazz Piano Trio plus Vocals

Olivia Trummer – Piano, Vocal
Paul Kleber - Bass
Rainer Winch - Drums

Olivia Trummer gehört zu den interessantesten Musikern der aktuellen Jazzszene. Souverän bewegt sich die noch junge, singende Pianistin - oder besser Klavier spielende Sängerin? - im Spannungsfeld von Klassik, Jazz und Singer/Songwriting.
Im domicil trat sie auf mit ihrem hervorragend eingespieltem Trio mit Rainer Winch an den drums und Paul Kleber, der noch „kürzlich“ Lisa Basenge im domicil am E-Bass begleitete.

Im Programm waren zwei Standards, herrlich ihre Version von „Nature Boy“, als Solo-Zugabe gab es ein Bach -Stück. Alles klang organisch, Schubladen brauchte es nicht, nur offene Ohren, um sich vom Zauber ihrer Musik einfangen zu lassen. Das Repertoire stammte vor allem aus ihrer aktuellen CD „Fly Now“, mittlerweile bereits das 6. „Baby“, wie sie selbst ihre beachtliche Diskographie benennt.

Die aus Stuttgart stammende Olivia Trummer bewegt sich seit mehreren Jahren zwischen den Metropolen New York City und Berlin. Sie wurde überhäuft mit Preisen und Auszeichnungen, ihre Konzert- und Aufnahmetätigkeit brachte sie zusammen mit der NDR Big Band, mit Kurt Rosenwinkel, Jimmy Cobb, Matt Penman, Obed Calvaire, Wolfgang Haffner, Bodek Janke, Martin Gjakonovski, Jean-Lou Treboux, Sebastian Studnitzky, Johannes Lauer, Matthias Schriefl u.v.a.

Höchst hörenswert ist ihr aktuelles Album "Fly now": Alle Stücke stammen aus ihrer Feder, sie ist auch am Rhodes – Piano sowie an der Hammond Orgel zu hören, den Bass bedient Matt Pennman, drums Obed Calvaire, als Gast ist zudem der innovativ aufspielende Kurt Rosenwinkel auf 3 Tracks dabei. Eine vielversprechende Künstlerin, von der sicherlich noch einiges zu erwarten ist!

www.Oliviatrummer.de   Text & Fotos: Günter Maiß

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Konzertbesprechungen von: Günter Maiß

Matthias Bergmann Quintett feat. Paul Heller am 18|03|16 im domicil Dortmund

Matthias Bergmann tp/flügelhorn, Paul Heller sax, Hendrik Soll p, Oliver Lutz b, Jens Düppe dr
Matthias Bergmann ist ein guter Bekannter in der Dortmunder Jazzszene: Neben vielen Konzerten mit diversen Bands ist er seit 2001 Trompetendozent an der Glen Buschmann Jazzakademie Dortmund. Darüber hinaus hat er seit 2008 einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Die Liste seiner Konzertaufritte als Sideman ist beeindruckend lang, seit 1998 ist er festes Mitglied in Peter Herbolzheimers Rhythm Combination+Brass (Konzerte mit u.a. Dianne Reeves, New York Voices, Charlie Mariano, Till Brönner, u.v.a.).
Im domicil stellte er seine eigene Band mit eigenen Stücken vor. Das Repertoire stammt aus seinen beiden CDs, „Still Time“ (2007) und vor allem aus seinem aktuellen Album "All the light"
Im domicil präsentierte Matthias Bergmann eine absolut hochkarätig besetzte Band, allesamt (Wahl-)Kölner: Paul Heller sax, Hendrik Soll p, Oliver Lutz b, Jens Düppe dr.
Geboten wurde intensiver Modern Jazz in traumwandlerischem Zusammenspiel, straight ahead Jazz vom Feinsten. M. Bergmann solierte virtuos mit geschmeidigem Ton vor allem am Flügelhorn. Viel Raum für ausgedehnte, mitreißende Tenorsax-Soli hatte Paul Heller, der vielen Hörern ebenfalls bestens bekannt ist als Solist und Mitglied der WDR Big Band Köln.
Wärmstens an Herz gelegt sei die aktuelle CD von M. Bergmann"All the light", ebenfalls mit H. Soll am Piano und J. Düppe (dr), jedoch mit C. Valk (ts, b-cl) und Cord Heiniking (b) plus Hanno Busch (g), erschienen 2015 auf FLOAT MUSIC. Ein höchst abwechslungsreiches Modern Jazz Album, das Fender Rhodes Piano, Gitarre und Bassklarinette bringen nochmals weitere Klangfarben in die ausgefeilten Kompositionen, die allesamt aus der Feder von M. Bergmann stammen.
Text/Fotos © Günter Maiß
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