Christoph Giese II - virgin-jazz-face

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Rolf Kühn Quartett bei „Jazz in Essen“ im Grillo-Theater
 
Rolf Kühn – Klarinette
Frank Chastenier – Piano
Lisa Wulff – Kontrabass
Tupac Mantilla – Schlagwerk, Body-Percussion
 
Jazzempresario Berthold Klostermann hat sich ein Jahr auf diesen Abend gefreut. Der künstlerische Leiter der Konzertreihe „Jazz in Essen“ plant sein Programm nämlich immer ein Jahr im Voraus. Und jetzt endlich stand Rolf Kühn auf der Bühne des Grillo-Theaters. Der fast 90-Jährige, der in den 1950er und 1960er Jahren in den USA im Benny Goodman-Orchester oder als Solo-Klarinettist bei Tommy Dorsey spielte.
 
Nach Essen hat die lebende Jazzlegende Pianist Frank Chastenier, Bassistin Lisa Wulff und Schlagwerker Tupac Mantilla mitgebracht. Mit letzterem startet er das zweite Set des Abends im Duo. Der Kolumbianer steht neben Rolf Kühn am Bühnenrand und gibt mit Body Percussion den Takt vor, während der alte Haudegen auf seiner Klarinette dazu lustvoll improvisiert.
 
Da spürt man den noch immer großen Spaß bei Rolf Kühn am Entdecken, am Ausprobieren. Auch wenn so manche Nummer des Abends streng durchnotiert ist, er in alten Jazzballaden wie „Body and Soul“ wunderbar in vielen Farbschattierungen auf seiner Klarinette schwelgt. Aber dann wird es wieder frei und mutig – und man glaubt kaum, wie cool so ein 89-Jähriger aufspielt.
 
Text: Christoph Giese, Fotos: Kurt Rade

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„Quartetoukan“ in der Neuen Synagoge Gelsenkirchen „Klangkosmos Weltmusik 2019
 
Miriam Toukan –  Gesang
Maria Dolores-Gay – Cello
Baris Yavuz – Gitarre
Israel Redondo – Perkussion
 
An diesem Abend passt einfach alles. Das schöne Wetter draußen, das die vielen Zuhörer geduldig vor der Neuen Synagoge warten ließ, bis sie sich öffnete zum Konzertabend mit der Band „Quartetoukan“ der israelischen Sängerin Miriam Toukan. Und auch das danach Gespielte und Gehörte, Völker verbindende Stücke Musik.
 
Eigentlich hätte dieses Konzert ja in der Bleckkirche stattgefunden, dem Spielort für die Abende im Rahmen der Reihe „Klangkosmos Weltmusik“. Doch Pfarrer Thomas Schöps bot der Jüdischen Gemeinde das Konzert an. Und mit Unterstützung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Gelsenkirchen konnte der Abend schließlich in der Neuen Synagoge realisiert werden.
 
Und das war eine gute Idee, ist die Neue Synagoge doch ein sehr passender Raum für das was das Quartett mit Stimme, Cello, Gitarre und Perkussionen so präsentiert. Umarrangierte Lieder der berühmten libanesischen Sängerin Fairuz etwa. Wenn Miriam Toukan über Beirut singt, ist man auch ohne Arabischkenntnisse berührt von dem Song. Ein Liebeslied an die israelische Stadt Haifa geht ebenfalls unweigerlich ans Herz.
 
Diese und andere Lieder, etwa über das spanische Córdoba, schlagen Brücken. So wie die arabisch-christliche Sängerin aus I´billin, zwischen Haifa und Akkon im Norden Israels gelegen, verschiedene Kulturen in sich trägt, so tun das auch die von ihr besungenen Städte. Klezmer und arabische Volksmusik verbinden sich dabei schlüssig mit Flamenco. Das immer dann, wenn Gitarrist Baris Yavuz mit seinen feinen Soli in die andalusische Musiktradition eintaucht.  
 
Das Amalgam von „Quartetoukan“ vermittelt Menschlichkeit und Wärme. Und viel passender als mit Leonard Cohens Hymne „Hallelujah“ hätte dieser wunderbarer Konzertabend dann am Ende auch nicht ausklingen können.
 
Text & Fotos: Christoph Giese

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The Sephardics in der werkstatt Gelsenkirchen
 
Manuela Weichenrieder – Gesang & Piano
Ludger Schmidt – elektrisches Cello
Martin Verborg – Geige & Saxofon
Patrick Hengst – Schlagzeug
 
Wovon erzählen diese Lieder? Würde Sängerin und Pianistin Manuela Weichenrieder das nicht immer schön zwischendurch sagen, es wäre für die meisten wohl schwierig geworden den Inhalt zu erahnen. Denn die bearbeitete Musik der spanischen Juden, der sich das Quartett „The Sephardics“ verschrieben hat, findet natürlich überwiegend auf Spanisch statt. Oder ist gerne auch mal mit textlosem, höchst intensiven Gesang versehen.
 
Aber Manuela Weichenrieder erzählt dem aufmerksamen Publikum in der „werkstatt“ gerne worum es geht. Um Amouröses und Erotisches. Oder um Liebe, auch um die, die vorbei ist. Aber klingen diese Lieder in Buer wie Liebeslieder? Nicht zwingend. Denn das historische Musikmaterial dient dem Quartett, dass sich neben dem gewonnenen Musikwettbewerb „creole NRW 2017“ im Sommer auch den renommierten Weltmusikpreis „RUTH“ in Rudolstadt abholen darf, als Grundlage für abenteuerliches Musizieren.    
 
Da wird das elektrische Cello von Ludger Schmidt zur Groovemaschine und zur brachialen, verzerrenden Rockgitarre, während Schlagzeuger Patrick Hengst nach vorne treibt und Martin Verborg auf Geige oder Saxofon wilde Girlanden produziert.
 
In solchen Momenten erlebt man ein ausgelassenes Rockjazzquartett auf der werkstatt-Bühne, um kurze Zeit später wieder einzutauchen in die spanisch-jüdische Musiktradition mit ihren auch berührenden Melodien und Momenten, die aber gleich wieder für expressive Kommentare der Beteiligten aufgebrochen werden. All das machte den Reiz dieses Konzertes und dieser ungewöhnlichen Band aus.
 
Text: Christoph Giese, Fotos: Kurt Rade


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Carminho im Dortmunder „domicil“
 
„Maria“ heißt ihr neues, gelungenes Album. Maria heißt eigentlich auch Fadosängerin Carminho mit erstem Vornamen. Im ausverkauften Jazzclub „domicil“ betörte die Portugiesin mit Intimität, großer Stimme und großen Gefühlen.
 
Ganz dunkel ist es zunächst auf der Bühne. Nur ein roter Lichtkegel ist über dem Kopf der Sängerin. Carminho bringt die herabhängende Lampe zum Hin- und Herschwingen und singt. Hoch emotional, mit sattem, dunklen Timbre. Und explosiv, wenn sie sich in höhere Lagen begibt.
 
Dann setzen die Gitarren ein. Klar, portugiesische Gitarre ist dabei, eine Konzert- und eine Bassgitarre. Aber eben auch E-Gitarre und Lap Steel. Das ist ungewöhnlich für den Fado, sorgt an diesem Abend aber für wunderschöne atmosphärische Akzente zwischendurch.
 
Fado, das ist Emotion pur, großes Gefühlsdrama. Aber das lässt sich auch fröhlich verpacken. Wie in „Bom Dia, Amor“, ein Stück, das auf einem Brief des großen portugiesischen Dichters Fernando Pessoa basiert und eine bislang unerwiderte Liebe besingt. Aber das in so beschwingt tänzelnden Rhythmen verpackt, dass man die Tragik des Inhalts gar nicht spürt, wenn man den portugiesischen Text nicht versteht.  
 
Mit „Chuva no Mar“ der Brasilianerin Marisa Monte geht es auch mal leichtfüßig und zart nach Brasilien. Und Carminho zeigt: Ein Fadokonzert muss nicht immer nur hochdramatisch oder melancholisch klingen.
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Kurt Rade

CD-Tipp: Carminho „Maria“ (Warner)

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Snow Jazz Gastein 2019
 
Ein Cello und ein Akkordeon. Mehr braucht es nicht um Magie entstehen zu lassen. Das Sägwerk, der Musikclub des Sepp Grabmaier in Bad Hofgastein, ist gut gefüllt. Das Ambiente in dem gemütlichen Raum passt. Und die Musik, die verzückt schon nach den ersten Klängen. Asja Valcic auf dem Cello und Klaus Paier auf Akkordeon und Bandoneon sind ein langjährig eingespieltes Duo. Das hört man sofort. Und lässt sich trotzdem von den beiden immer wieder überraschen auf ihren mal sehnsüchtigen, mal rasanten, immer hochvirtuosen Musikreisen durch die Welten von Jazz, Tango oder Klassik. Die gebürtige Kroatin und der Österreicher werfen sich gegenseitig Bälle zu, reagieren sofort auf das Spiel des anderen. Etwa wenn das Akkordeon mal kurzzeitig zum Perkussionsinstrument mutiert. Und immer ist alles vollgepackt mit Emotionen. Die Melodien berühren das Herz, auch wenn sie mal mit harten Rhythmusattacken zum Schwingen gebracht werden. Ein Abend zum Niederknien.
 
Das lässt sich ebenso über den Soloauftritt von Enrico Pieranunzi sagen. Wie der charmante Signore aus Rom am Bösendorfer-Flügel gleich zu Beginn seines Konzertes den alten Jazzstandard „I Fall In Love Too Easily“ in sein so fein perlendes Klavierspiel einbettet, das ist schlichtweg wunderschön. Der Italiener ist ein Ästhet auf den schwarz-weißen Tasten, ein Mann, der in Melodien schwelgt, ohne dass es aber auch nur ein einziges Mal glatt gespielt klingt. Eine ganze Reihe von Walzern, darunter der ans Herz gehende  „Fellini´s Waltz“ und Fats Wallers´ „Jitterbug Waltz“, präsentierte ein gut gelaunter Enrico Pieranunzi dem Publikum im wiederum bestens gefüllten Sägewerk und verwandelte was auch immer er an diesem Abend so spielte in zeitlose Jazzklänge mit wahnsinnig viel Eleganz.
 
„small is beautiful“ hieß das diesjährige Festivalmotto. Kleine Formationen sollten es sein. Der Klagenfurter Schlagzeuger Klemens Marktl brachte mit dem russischen Bassisten Boris Kozlov und vor allem mit US-Pianist David Kikoski zwei klangvolle Namen des internationalen Jazz mit ins Sägewerk. Wie oft hatte Marktl nicht schon in Sepp Grabmaiers Jazzclub gespielt. An diesem Abend wohl erst einmal zum letzten Mal. Denn mit Tränchen in den Augen verkündete Sepp Grabmaier kurz vor Beginn des zweiten Sets dieses hervorragenden Mainstream Jazz-Konzertes, eine Snow Jazz-Pause. Gesundheitlich angeschlagen muss sich der so umtriebige Jazzmacher in naher Zukunft mehr um sich als um die Kultur in seiner Region kümmern.   
 
Wie schön, dass die das Festival abschließende Matinee mit anschließendem Jazzbrunch im Hotel Miramonte in Bad Gastein wieder einmal bei strahlendem Sonnenschein stattfinden konnte. Zuerst mit einem unterhaltsamen Duokonzert im Saal des interessanten Designhotels, bei dem der Russe Arkady Shilkloper auf Waldhorn und Alphorn sowie der Amerikaner Jon Sass auf der Tuba eindrucksvoll zeigten, dass man auf diesen vermeintlich ein wenig schwerfälligen Blasinstrumenten sowohl fein und gefühlvoll, aber auch funkig und mit viel Groove jazzen kann. Auf der Terrasse beim Büffet war dann nach diesem Perfekten Kehraus Zeit noch einmal die vergangenen Tage Revue passieren zu lassen und auch an vorherige der insgesamt nun schon 18 Ausgaben vom „Snow Jazz Gastein“ zu denken. Natürlich mit der Hoffnung, dass dieses so besondere Festival irgendwann in nicht so ferner Zukunft doch noch weitergehen wird.
 
www.jazz-im-saegewerk.org
 
Text : Christoph  Giese; Fotos: Jazz im Sägewerk

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Jakob Bro Quartet bei „Jazz in Essen“ im Grillo-Theater
 
Jakob Bro – E-Gitarre
Thomas Morgan – Kontrabass
Joey Baron – Schlagzeug
Palle Mikkelborg – Trompete & Flügelhorn
 
Berthold Klostermann, künstlerischer Leiter der Konzertreihe „Jazz in Essen“, gibt in seiner kurzen Ansprache vor dem ersten gehörten Ton dem zahlreichen Publikum im vollbesetzten Grillo-Theater den Tipp, wie man dem Jakob Bro Quartet am besten begegnen sollte: zurücklehnen und sich in die Musik fallenlassen.
 
Da ist genau der richtige Ansatz für die Klänge des dänischen Gitarristen und seinem formidablen Quartett. Denn Jakob Bro ist ein Meister der Kontemplation, der Stille, des Nachhängens von Tönen. Der Däne tritt in Essen als meist sensibler Geschichtenerzähler auf, der dabei ohne einen großen Plot auskommt.
 
Es sind kurze melodische Einfälle in Zeitlupentempo und Pastelltönen, die er seiner elektrischen Gitarre entlockt und die dann von den anderen aufgenommen werden. Von Thomas Morgan und seinem mitunter eigenwilligen Kommentaren am Kontrabass und von den so herrlich frei schwebenden Pulsschlägen von Schlagzeuger Joey Baron.
 
Und dann ist da ja noch der Altmeister an Trompete und Flügelhorn auf der Bühne, der fast 78-jährige Palle Mikkelborg. Der Landsmann von Jakob Bro hat mit ihm das wunderbare Album „Returnings“ im letzten Jahr veröffentlicht und folgt im Grillo-Theater mit viel Gefühl und sanftem, luftigen Ton den Gitarrenlinien mit Miles Davis-haftem Gestus und Sound.
 
Wunderschön das alles. Entspannend. Entrückend. Sphärisch. Man mochte kaum aufwachen aus diesen Klang(t)räumen.
 
CD-Tipp: Jakob Bro „Returnings“ (ECM/Universal)    
 
Text: Christoph Giese, Fotos: Kurt Rade

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