Christoph Giese II - virgin-jazz-face

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PUNKT Festival  2019
 
Kristiansand, Norwegen
 
Nein, an eine so lange Lebenszeit des Festivals habe man nie gedacht. Und jetzt stehe man hier und feiere die 15. Ausgabe von PUNKT. Nicht nur Arne Bang, der Bruder von Jan Bang, einem der beiden Festivalgründer, ist erstaunt darüber. Es sind wohl viele. Aber es hat sich in den anderthalb Jahrzehnten dieses auf Live Remixe basierten Festivals etwas Wunderschönes entwickelt: Ein Gefühl von Heimat. Von musikalischer Heimat, weil immer wieder Mitglieder des engen PUNKT-Zirkels der ersten Tage den Weg nach Kristiansand finden und mitwirken. Bei den Konzerten oder als Teile der Remixe. Nils Petter Molvær, Arve Henriksen, Sidsel Endresen, Eivind Aarset oder Bugge Wesseltoft -  sie alle waren auch dieses Mal wieder da. Und dann ist da noch diese intime Atmosphäre, dieses familiäre Gefühl. Kaum ist man in der kleinen, sympathischen Hafenstadt in Südnorwegen angekommen, trifft man auch schon ein bekanntes Gesicht. Viele Fans des Festivals kommen jedes Jahr und auch viele Kollegen, die in der einen oder anderen Art dem Festival beruflich verbunden sind, finden immer wieder den Weg nach Kristiansand.
 
Auch das macht PUNKT aus. Natürlich in erster Linie das musikalische Konzept und die dazugehörige Musik. Die imposante Domkirken stand an einen Nachmittag dieses Jahr im Mittelpunkt. Keyboarder Ståle Størlokken startete auf der Kirchenorgel wobei er interessanterweise beide, an zwei Seiten des Kirchenschiffes angebrachten Orgelpfeifen nutzte. Das allein sorgte schon für interessante Klangvarianten, schon wie er mächtige, dumpfe Orgelsounds aus zwei Richtungen auftauchen ließ.  
 
Ståle Størlokken betörte mit verschiedensten, auch verspielten Stimmungen auf der Kirchenorgel. Ein wunderbares Set, das vor allem etwas auszeichnete, was den danach folgenden „Trondheim Voices“ nicht gelang: rechtzeitig aufzuhören. Die neun Damen des Vokalchores verblüfften durchaus mit ihren stimmlichen Abenteuern und vokalen Ausflügen, aber sie sangen definitiv zu lang, was die Magie ihres Auftritts minderte.
 
Warum so manch einer so von dem US-Gitarristen und Komponisten Steve Tibbets schwärmt, erschloss sich bei seinem Duoauftritt mit dem Perkussionisten Mark Anderson irgendwie nicht. Die Musik ging nicht über einen Punkt hinaus, Tibbets´ Gitarrenspiel war ganz nett, mehr nicht. Aber auch das macht PUNKT so besonders. Man kann, für sich empfunden, ein ziemlich uninteressantes Konzert hören, und dann kommt der Remix und reißt es raus. So geschehen in der Kirche wo Jan Bang, Erik Honoré, Arve Henriksen und Eivind Aarset auch Elemente vom Steve Tibbets-Konzert nutzten um daraus pure Magie zu kreieren.
 
Auch das Powertrio „Supersilent“ gefiel im Club Kick mit seinem Remix irgendwie besser als die Ausgangsquelle, das Konzert der Noiserockband von Gitarrist Thurston Moore. Zum Jubiläum kehrte PUNKT jetzt erstmals seit sieben Jahren wieder zurück ins Kilden Performing Arts Centre, dem 2012 direkt am Wasser erbauten Schmuckstück für Kultur. Der Abend, unter anderem mit dem Sinfonieorchester von Kristiansand welches die Weltpremiere von Dai Fujikura´s Shamisen Concerto spielte, oder mit dem dieses Mal nicht so wahnsinnig inspierenden Trio „Rymden“ wird sicher nicht zu den unvergesslichen in der Festivalhistorie zählen, auch wenn der Orchester-Remix von Jan Bang und Sidsel Endresen und der abschließende Remix von Rymden, mit den Masterminds Jan Band und Erik Honoré, Dai Fujikura, Eivind Aarset und Nils Petter Molvær wieder einige memorable Momente bereithielt.
 
Was bleibt noch hängen von der Jubiläumsausgabe? Jan Bang singt nach Jahrzehnten wieder. „Dark Star Safari“, sein neues, ambitioniertes ArtRock-Bandprojekt mit Festivalmitbegründer Erik Honoré, Gitarrist Eivind Aarset und dem Schweizer Schlagzeuger Samuel Rohrer kombiniert die menschliche Stimme mit Live Sampling und Elektronik in sanften Liedern. Improvisationen führen zu Songstrukturen. Das selbstbetitelte Debütalbum ist im Frühjahr erschienen. Mal sehen wohin sich dieses exquisite Quartett entwickelt. Und mit der lokalen Band Drongo und dem jungen Remixer Simen Løvgren bot das Festival auch dem Nachwuchs wieder eine Plattform. Es wird spannend sein zu verfolgen wie sich die nächste Generation von Festivalmusikern entwickeln wird und darf bei PUNKT.
 
www.punktfestival.no
 
Text: Christoph  Giese; Fotos: Petter Sandell & Alf Solbakken

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Funchal Jazz Festival 2019 auf Madeira
 
Man konnte sich im Vorfeld vielleicht schon fragen wieso Festivaldirektor Paulo Barbosa den Sänger Gregory Porter erneut eingeladen hat. Trat der Amerikaner doch schon vor drei Jahren bei ihm auf. Nach dem Konzert hatte man plötzlich keine Fragen mehr. Denn man war ja dabei gewesen, bei einem sehr emotionalen Auftritt, bei einem Sänger, der die Seele der Zuhörer trifft mit seinen musikalischen Predigten. Der mit seinem weichen, warmen Bariton seine Songs zwischen Souljazz, Blues und Gospel mit Botschaften füllt und dabei auch an die denkt, denen es nicht so gut geht. Und dann hat Porter auch noch eine Band um sich geschart, die allerhöchsten Ansprüchen genügt. Tenorsaxofonist Tivon Pennicott, der das Emotionale in der Musik Porters noch mal dick unterstreicht in seinen Soloausflügen. Oder Chip Crawford, der alte Fuchs am Klavier, der genau weiß, welche Noten er spielen muss, um das Ganze ins rechte Licht zu rücken. Gregory Porter dieses Mal übrigens gleich am ersten Festivalabend, einem Donnerstag, auftreten zu lassen, war ein cleverer Schachzug. So voll hatte man den wahrlich nicht kleinen Santa Catarina-Park im Herzen Funchals bisher noch nicht erlebt zum Festivalauftakt.
 
Den gestaltete direkt vor Gregory Porter übrigens Saxofonist Ben Wendel mit seiner „Seasons Band“. Das „Seasons“-Projekt startete der Kanado-Amerikaner als Videoprojekt mit allen zwölf Monaten des Jahres gewidmeten Duetten. In luxuriöser Quintettbesetzung, mit Gitarrist Gilad Hekselmann, Pianist Aaron Parks, Bassist Matt Brewer und Drummer Kendrick Scott, gab es diese Songs jetzt auf Madeira zu hören. Und es sind die Interaktionen zwischen den Musikern, etwa Gitarre und Piano, die diese Band, die sich keineswegs in eine stilistische Ecke drängen lässt, auszeichnet. Der Bandleader lässt seinen Jungs viele Räume zur Entfaltung und setzt selbst dann immer wieder eigene markante Punkte.
 
Schon seit einiger Zeit gehört der junge João Barradas zu den spannenden neuen Stimmen des portugiesischen Jazz. Sein neuestes, internationales Projekt mit Vibrafon, Kontrabass, Schlagzeug und Gastsaxofonist (Ben van Gelder) hat der Akkordeonist „Portrait“ genannt – und es entwickelt beim Auftritt in Funchal eine Anziehungskraft, der man sich nur zu gerne hingibt. Oft klingt das Akkordeon durch den Einsatz von Elektronik gar nicht mehr wie eines und ist unterstützende Stimme in herrlich ineinandergreifenden Wellengängen von Melodien und Rhythmen der einzelnen Instrumente. Packend und frisch klingt das und bietet trotz Struktur auch Freiheiten.  
 
Terence Blanchard spielte noch bei den Jazz Messengers von Art Blakey. Mit einem Tributkonzert an den lange schon verstorbenen Meisterdrummer schaute der Trompeter aus New Orleans mit seinem E-Collective, mit Schlagzeug-As Jeff „Tain“ Watts als Special Guest, auf Madeira vorbei. Blanchard leistet sich auf der Insel den Luxus, einen Kontra- und einen E-Bassisten in der Band zu beschäftigen, die abwechselnd oder gemeinsam auf der Bühne stehen und das Geschehen in die entsprechende Richtung lenken. Blanchards Blakey-Arrangements, eingebunden in die elektro-akustischen, mitunter wuchtigen, von verzerrter E-Trompete hoch gepushten Klangwelten des E-Collective, machen Spaß. Die Mischung zwischen Blakey- und E-Collective-Material stimmt. Und wie schön als Zugabe den Jazz Messengers-Klassiker „Moanin`“ zu hören.
 
Einen besseren Schluss-Act seines Festivals als Dianne Reeves hätte Paulo Barbosa am letzten der drei Abende kaum wählen können. Die Amerikanerin ist auch mit ihren über 60 Jahren stimmlich noch immer eine Wucht. Kraftvoll, emotional, soulful, geschickt zwischen den Genres singend, das kann die mit fünf Grammys dekorierte Amerikanerin wie kaum eine zweite Sängerin. Für ihren Auftritt auf Madeira hatte sie auch Brasilianisches, gesungen auf Portugiesisch, im Programm, sehr zur Freude des Publikums. Und ihre langjährige Band mit dem brasilianischen Gitarristen Romero Lubambo ist in jedem Augenblick mit der Sängerin auf der Höhe und sorgt auch ohne sie für einige memorable Momente. Wie überhaupt die 20. Ausgabe dieses Festivals in Erinnerung bleiben wird. Auch wenn das runde Jubiläum erstaunlicherweise so gar nicht herausgestellt wurde.
 
www.funchaljazzfestival.org
 
Text: Christoph  Giese; Fotos: Renato Nunes

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40. Montreal Jazz Festival 2019
 
Ob André Ménard sich damals hätte vorstellen können, wohin das mal führt, was aus seinem Baby, dem „Montreal Jazz Festival“, mal werden würde? Sicher, der Musikliebhaber aus Québec, dem französischsprachigen Teil Kanadas, hatte schon die Vision eines großen Open Air Jazzevents, als er zusammen mit Alain Simard vor genau 40 Jahren etwas startete, aus dem heute das weltgrößte Jazzfestival geworden ist. Aber dass sein Festival jedes Jahr im Sommer ein Millionenpublikum anlockt, das hat Ménard, der sich nun aus dem operativen Geschäft zurückzieht, sicher nicht gedacht.
 
Ja, es ist groß, das Festival, mit seinen über 500 Konzerten, davon viele draußen und gratis. In einem ganzen Viertel in Downtown Manhattan ist überall Musik. Und in diesem Jahr bot das Festival auch erstmals in einem weiter entlegenen Stadtteil der Millionenmetropole am Sankt-Lorenz-Strom Konzerte an. Man möchte Schritt für Schritt noch mehr von der Stadt in das musikalische Geschehen des Festivals einbinden.
 
Was sich anhören, das ist die Frage während der elftägigen Jubiläumsausgabe, die erstaunlicherweise trotz rundem Geburtstag nicht mit vielen Superstars protzt. Nein, es sollte keine Retrospektive werden, sondern vor allem ein Blick nach vorne, ein Blick auf junge frische Künstler. Aber natürlich gab es auch dieses Mal Stars, die  die sich dieses Label umhängen könnten, auch wenn sie das sicher gar nicht wollen. Sängerin Melody Gardot ist im positiven Sinne gesehen sicher eine Künstlerin in dieser Kategorie. Gleich an zwei Abenden füllte die US-Amerikanerin, die Französisch so gut spricht, als hätte sie nie was anderes gesprochen, die gut 3.000 Sitze im Salle Wilfried-Pelletier. Gardot kam erst nach einem Verkehrsunfall vor 16 Jahren, bei dem sie schwere Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen erlitt, und der sie seitdem zum Tragen von abgedunkelten Brillen zwingt, erst so richtig zur Musik und ans Singen. Seitdem schreibt sie wundervolle, toll arrangierte Songs, die sie am Klavier sitzend oder mit der Gitarre umgehängt und von Streichorchester, Solo-Cellist, Gitarrist und Schlagzeuger begleitet vorträgt. Lässig, intim, dabei immer das Seelenzentrum des Zuhörers treffend. Sie kann Jazz, sie kann Chanson. Sie kommuniziert auf eine Art mit dem Publikum, die einfach berührt. Sie macht fast sprachlos. Ein absolutes Erlebnis!
 
Und was wollte man nach diesem Erlebnis am gleichen Abend noch hören? Erst mal nichts. Erst mal ein wenig übers Festivalgelände streifen, die frische Abendluft genießen. Und dann kommt irgendwann die Lust zurück auf mehr Musik. Denn an diesem Abend spielt ja noch Makaya McCraven, in einem intimen Amphitheater mit gut 400 Plätzen. Der Trommler und Beat-Master aus Chicago, einer der hippen Stimmen des aktuellen Jazz. Einer, der mit hypnotischen, fein konstruierten, mitreißenden Rhythmen und mit HipHop-Attitüde Jazz spielt, dabei eine Band mit Saxofon, E-Gitarre, Bass und Tasteninstrumente um sich schart, die sich von ihm pushen lässt, aber dennoch dabei immer packende melodische Stränge entwickelt.  
 
Mindestens ebenso hip klingt die britische Saxofonistin Nubya Garcia. Eine heiße Kanne spielt die Powerfrau aus London und lässt sich dabei von ihrer Klasseband gerne nach vorne treiben. Spiritueller Jazz, Dub Reggae oder Funk, daraus entsteht bei Garcia eine Mischung, die sich im Live-Spiel immer weiter zu einem Höhepunkt führt. Und das kommt beim Publikum an, das sich immer wieder von der Saxofonistin mitnehmen lässt auf ihre aufgeputschten Reisen. Wem das gefiel der konnte tags darauf Nubya Garcia noch einmal erleben, im Trio des jungen Tubaspielers Theon Cross, ebenfalls aus London. Cross macht aus dem schwerfällig wirkenden Instrument eine leichtfüßige Groovemaschine und verblüfft dabei immer wieder auch mit überraschenden Sounds. Unermüdlich angetrieben von einem knalligen Schlagzeug ist das ein mindestens zum Kopfwippen animierendes Gebräu, was das Trio zu später Abendstunde einem enthusiastischen Publikum servierte.
 
Montreal bot in diesem Jahr viele Möglichkeiten viele junge neue Stimmen des Jazz zu entdecken. So wie das US-Quintett „Butcher Brown“, das rockige E-Gitarrenriffs mit Funk und Jazz kreuzt und dabei viel Spaß macht, auch wenn sich bei dieser Band noch was entwickeln kann.   
 
Anlässlich des 20.Geburtstages seines bahnbrechenden Albums „Bending New Corners“ hatte der französische Trompeter Erik Truffaz in Montreal die Ehre, dieses mit seiner um Rapper Nya erweiterten Band und seinem atmosphärischen, groovigen HipHop-Jazz auf der größten Open Air-Bühne des Festivals zu spielen. Vor gleich vielen Tausenden von Menschen aufzutreten, das habe er zuvor erst ein weiteres Mal erleben dürfen, auf einem Festival in Korea, erzählte Truffaz am nächsten Tag.
 
Auch das ist Montreal, das Unerwartete bekommt seinen Platz. Und wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, kann abseits des Jazzfestivals ebenfalls Spannendes entdecken. Etwa einen Fadoabend in einem kleinen Saal hinten in einer alten Kirche. Dort führt die in Montreal lebende portugiesische Sängerin Suzi Silva mit einem Programm das sie „Fad´azz“ nennt, einer Fusion von Fado mit Jazz,  portugiesisches Liedgut mit ihren Arrangements und begleitet von einer fadountypischen Besetzung mit E-Piano, E-Gitarre, Kontrabass und Schlagwerk zu neuen Ufern. Ein traumhaft schönes Konzert und ein lohnenswertes Fremdgehen von einem ganz besonderen Festival.
 
www.montrealjazzfest.com
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Montreal Jazz Festival

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Sakili in der Bleckkirche Gelsenkirchen 2019
 
Vallen Pierre Louis –  Kabosy, Triangel, Gesang
Francis Proper – Rahmentrommel, Leadgesang
Ricardo Legentile – Akkordeon, Gesang
 
Wann hat man das Publikum bei der Konzertreihe „Klangkosmos Weltmusik“ schon so laut jubeln und klatschen hören! Beim Auftritt von „Sakili“ dauert es nur ein paar wenige Stücke, dann sind alle in der Bleckkirche angefixt. Von den stampfenden Rhythmen, die Gitarrist Vallen Pierre Louis mit dem Fuß auf die Bühnenbretter klopft und die Teile des Publikums fleißig mitstampften. Und vor allem von dieser so positiven, Gute Laune verbreitenden Musik des Trios von der Insel Rodrigues.
 
Die liegt knapp 600 Kilometer entfernt von Mauritius im Indischen Ozean. Und  wenn das Leben in Mauritius schon recht langsam laufe, dann sei das für die Einwohner von Rodrigues noch hektisch wie in New York, meint Tourbegleiter Percy in seiner kurzen Ansprache vor dem Konzert.
 
Man mag das gar nicht glauben, wenn man den Klängen von Vallen Pierre Louis (Kabosy und Triangel), Francis Prosper (Rahmentrommel und Leadgesang) und Ricardo Legentile (Akkordeon) lauscht. Denn da geht es kaum langsam und gemächlich zu. Da ist Schwung drin! Die lebendigen heimischen Sega-Rhythmen, inzwischen auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes, bilden die Basis der Songs, die mal Richtung Polka, Walzer, Mazurka oder nach Schottland schielen.
 
So geht es animierend und mitreißend zur Sache. Die Mischung aus afrikanischen Rhythmen und europäischen Tänzen heizt unweigerlich an. Selbst mit amerikanischem Blues lässt sich der Sega prima verbinden, wie das Trio demonstriert. Vallen Pierre Louis wird dann zum coolen Bluessänger.     
 
Party-Feeling in Gelsenkirchen. Dass man die kreolischen Texte nicht versteht, egal! Die eckige Holzgitarre Kabosy, Trommel und Akkordeon sprechen in der Kirche eine internationale Sprache, von der sich alle angesprochen fühlen.
 
Text und Fotos: Christoph Giese

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JazzNacht Zollverein 2019
 
Daniel García wagt Ungeheuerliches. Da erzählt der sympathische Spanier dem Publikum in der Halle 12 der Zeche Zollverein doch tatsächlich, dass der große, verstorbene Jazztrompetengott Miles Davis damals, bei der Produktion von „Sketches Of Spain“, im Stück „Solea“ versucht habe Flamenco zu spielen, ohne jedoch wirklich eine Ahnung vom Flamenco zu haben.
 
Aber wie der Pianist das erzählt, da spürt man natürlich die große Ehrfurcht vor dem Amerikaner. Aber Flamenco ist eben kein Musikstil, den man einfach mal so spielt. Daniel García hat sich die damals von Miles Davis gespielten Noten als Vorlage genommen für eine Hommage an den Trompeter. Und bei „Dream Of Miles“ kann man tatsächlich ins Träumen kommen, so traumhaft schön klingt das Stück.
 
Das „Daniel García Trio“ war eine von zwei Bands der zweiten Auflage der „JazzNacht Zollverein“. War das letztjährige Debüt bereits gut besucht, so konnte die veranstaltende Stiftung Zollverein in diesem Jahr sogar „ausverkauft“ melden.
 
Der Auftakt des Abends mit dem hierzulande noch unbekannten „Daniel García Trio“, das Flamenco und andere Einflüsse in einen zauberhaften Jazzkontext einband – grandios! Als dichte, sich ständig austauschende Einheit präsentierte sich der Spanier mit seinen beiden Partnern aus Kuba an Bass und Schlagzeug. Mit Musik zwischen gefühlvoll und rasant, zudem rhythmisch ziemlich aufregend, und mit wunderschönen, mitsingbaren Melodien.
 
Nach der Pause dann ein gewollter musikalischer Bruch. Die „Nighthawks“ mögen es weniger filigran, dafür deutlich lauter und rockiger. Gestartet Ende der 1990er Jahre zunächst als reines Studioprojekt, hat sich das deutsche Quintett um die beiden Masterminds Dal Martino (Bass) und Reiner Winterschladen (Trompete) längst als Klasse-Liveband etabliert. Die in Essen zwischen tanzbaren, loungigen Klängen und funkig-rockigem Jazz brillierte. Und mit kurzen Ausflügen, etwa in mexikanisches Mariachi-Terrain, auch eine Spur musikalischen Humor bewies.
 
Text : Christoph  Giese; Fotos: Jochen Tack / Stiftung Zollverein

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Rolf Kühn Quartett bei „Jazz in Essen“ im Grillo-Theater
 
Rolf Kühn – Klarinette
Frank Chastenier – Piano
Lisa Wulff – Kontrabass
Tupac Mantilla – Schlagwerk, Body-Percussion
 
Jazzempresario Berthold Klostermann hat sich ein Jahr auf diesen Abend gefreut. Der künstlerische Leiter der Konzertreihe „Jazz in Essen“ plant sein Programm nämlich immer ein Jahr im Voraus. Und jetzt endlich stand Rolf Kühn auf der Bühne des Grillo-Theaters. Der fast 90-Jährige, der in den 1950er und 1960er Jahren in den USA im Benny Goodman-Orchester oder als Solo-Klarinettist bei Tommy Dorsey spielte.
 
Nach Essen hat die lebende Jazzlegende Pianist Frank Chastenier, Bassistin Lisa Wulff und Schlagwerker Tupac Mantilla mitgebracht. Mit letzterem startet er das zweite Set des Abends im Duo. Der Kolumbianer steht neben Rolf Kühn am Bühnenrand und gibt mit Body Percussion den Takt vor, während der alte Haudegen auf seiner Klarinette dazu lustvoll improvisiert.
 
Da spürt man den noch immer großen Spaß bei Rolf Kühn am Entdecken, am Ausprobieren. Auch wenn so manche Nummer des Abends streng durchnotiert ist, er in alten Jazzballaden wie „Body and Soul“ wunderbar in vielen Farbschattierungen auf seiner Klarinette schwelgt. Aber dann wird es wieder frei und mutig – und man glaubt kaum, wie cool so ein 89-Jähriger aufspielt.
 
Text: Christoph Giese, Fotos: Kurt Rade

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„Quartetoukan“ in der Neuen Synagoge Gelsenkirchen „Klangkosmos Weltmusik 2019
 
Miriam Toukan –  Gesang
Maria Dolores-Gay – Cello
Baris Yavuz – Gitarre
Israel Redondo – Perkussion
 
An diesem Abend passt einfach alles. Das schöne Wetter draußen, das die vielen Zuhörer geduldig vor der Neuen Synagoge warten ließ, bis sie sich öffnete zum Konzertabend mit der Band „Quartetoukan“ der israelischen Sängerin Miriam Toukan. Und auch das danach Gespielte und Gehörte, Völker verbindende Stücke Musik.
 
Eigentlich hätte dieses Konzert ja in der Bleckkirche stattgefunden, dem Spielort für die Abende im Rahmen der Reihe „Klangkosmos Weltmusik“. Doch Pfarrer Thomas Schöps bot der Jüdischen Gemeinde das Konzert an. Und mit Unterstützung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Gelsenkirchen konnte der Abend schließlich in der Neuen Synagoge realisiert werden.
 
Und das war eine gute Idee, ist die Neue Synagoge doch ein sehr passender Raum für das was das Quartett mit Stimme, Cello, Gitarre und Perkussionen so präsentiert. Umarrangierte Lieder der berühmten libanesischen Sängerin Fairuz etwa. Wenn Miriam Toukan über Beirut singt, ist man auch ohne Arabischkenntnisse berührt von dem Song. Ein Liebeslied an die israelische Stadt Haifa geht ebenfalls unweigerlich ans Herz.
 
Diese und andere Lieder, etwa über das spanische Córdoba, schlagen Brücken. So wie die arabisch-christliche Sängerin aus I´billin, zwischen Haifa und Akkon im Norden Israels gelegen, verschiedene Kulturen in sich trägt, so tun das auch die von ihr besungenen Städte. Klezmer und arabische Volksmusik verbinden sich dabei schlüssig mit Flamenco. Das immer dann, wenn Gitarrist Baris Yavuz mit seinen feinen Soli in die andalusische Musiktradition eintaucht.  
 
Das Amalgam von „Quartetoukan“ vermittelt Menschlichkeit und Wärme. Und viel passender als mit Leonard Cohens Hymne „Hallelujah“ hätte dieser wunderbarer Konzertabend dann am Ende auch nicht ausklingen können.
 
Text & Fotos: Christoph Giese

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The Sephardics in der werkstatt Gelsenkirchen
 
Manuela Weichenrieder – Gesang & Piano
Ludger Schmidt – elektrisches Cello
Martin Verborg – Geige & Saxofon
Patrick Hengst – Schlagzeug
 
Wovon erzählen diese Lieder? Würde Sängerin und Pianistin Manuela Weichenrieder das nicht immer schön zwischendurch sagen, es wäre für die meisten wohl schwierig geworden den Inhalt zu erahnen. Denn die bearbeitete Musik der spanischen Juden, der sich das Quartett „The Sephardics“ verschrieben hat, findet natürlich überwiegend auf Spanisch statt. Oder ist gerne auch mal mit textlosem, höchst intensiven Gesang versehen.
 
Aber Manuela Weichenrieder erzählt dem aufmerksamen Publikum in der „werkstatt“ gerne worum es geht. Um Amouröses und Erotisches. Oder um Liebe, auch um die, die vorbei ist. Aber klingen diese Lieder in Buer wie Liebeslieder? Nicht zwingend. Denn das historische Musikmaterial dient dem Quartett, dass sich neben dem gewonnenen Musikwettbewerb „creole NRW 2017“ im Sommer auch den renommierten Weltmusikpreis „RUTH“ in Rudolstadt abholen darf, als Grundlage für abenteuerliches Musizieren.    
 
Da wird das elektrische Cello von Ludger Schmidt zur Groovemaschine und zur brachialen, verzerrenden Rockgitarre, während Schlagzeuger Patrick Hengst nach vorne treibt und Martin Verborg auf Geige oder Saxofon wilde Girlanden produziert.
 
In solchen Momenten erlebt man ein ausgelassenes Rockjazzquartett auf der werkstatt-Bühne, um kurze Zeit später wieder einzutauchen in die spanisch-jüdische Musiktradition mit ihren auch berührenden Melodien und Momenten, die aber gleich wieder für expressive Kommentare der Beteiligten aufgebrochen werden. All das machte den Reiz dieses Konzertes und dieser ungewöhnlichen Band aus.
 
Text: Christoph Giese, Fotos: Kurt Rade


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Carminho im Dortmunder „domicil“
 
„Maria“ heißt ihr neues, gelungenes Album. Maria heißt eigentlich auch Fadosängerin Carminho mit erstem Vornamen. Im ausverkauften Jazzclub „domicil“ betörte die Portugiesin mit Intimität, großer Stimme und großen Gefühlen.
 
Ganz dunkel ist es zunächst auf der Bühne. Nur ein roter Lichtkegel ist über dem Kopf der Sängerin. Carminho bringt die herabhängende Lampe zum Hin- und Herschwingen und singt. Hoch emotional, mit sattem, dunklen Timbre. Und explosiv, wenn sie sich in höhere Lagen begibt.
 
Dann setzen die Gitarren ein. Klar, portugiesische Gitarre ist dabei, eine Konzert- und eine Bassgitarre. Aber eben auch E-Gitarre und Lap Steel. Das ist ungewöhnlich für den Fado, sorgt an diesem Abend aber für wunderschöne atmosphärische Akzente zwischendurch.
 
Fado, das ist Emotion pur, großes Gefühlsdrama. Aber das lässt sich auch fröhlich verpacken. Wie in „Bom Dia, Amor“, ein Stück, das auf einem Brief des großen portugiesischen Dichters Fernando Pessoa basiert und eine bislang unerwiderte Liebe besingt. Aber das in so beschwingt tänzelnden Rhythmen verpackt, dass man die Tragik des Inhalts gar nicht spürt, wenn man den portugiesischen Text nicht versteht.  
 
Mit „Chuva no Mar“ der Brasilianerin Marisa Monte geht es auch mal leichtfüßig und zart nach Brasilien. Und Carminho zeigt: Ein Fadokonzert muss nicht immer nur hochdramatisch oder melancholisch klingen.
 
Text: Christoph Giese; Fotos: Kurt Rade

CD-Tipp: Carminho „Maria“ (Warner)

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Snow Jazz Gastein 2019
 
Ein Cello und ein Akkordeon. Mehr braucht es nicht um Magie entstehen zu lassen. Das Sägwerk, der Musikclub des Sepp Grabmaier in Bad Hofgastein, ist gut gefüllt. Das Ambiente in dem gemütlichen Raum passt. Und die Musik, die verzückt schon nach den ersten Klängen. Asja Valcic auf dem Cello und Klaus Paier auf Akkordeon und Bandoneon sind ein langjährig eingespieltes Duo. Das hört man sofort. Und lässt sich trotzdem von den beiden immer wieder überraschen auf ihren mal sehnsüchtigen, mal rasanten, immer hochvirtuosen Musikreisen durch die Welten von Jazz, Tango oder Klassik. Die gebürtige Kroatin und der Österreicher werfen sich gegenseitig Bälle zu, reagieren sofort auf das Spiel des anderen. Etwa wenn das Akkordeon mal kurzzeitig zum Perkussionsinstrument mutiert. Und immer ist alles vollgepackt mit Emotionen. Die Melodien berühren das Herz, auch wenn sie mal mit harten Rhythmusattacken zum Schwingen gebracht werden. Ein Abend zum Niederknien.
 
Das lässt sich ebenso über den Soloauftritt von Enrico Pieranunzi sagen. Wie der charmante Signore aus Rom am Bösendorfer-Flügel gleich zu Beginn seines Konzertes den alten Jazzstandard „I Fall In Love Too Easily“ in sein so fein perlendes Klavierspiel einbettet, das ist schlichtweg wunderschön. Der Italiener ist ein Ästhet auf den schwarz-weißen Tasten, ein Mann, der in Melodien schwelgt, ohne dass es aber auch nur ein einziges Mal glatt gespielt klingt. Eine ganze Reihe von Walzern, darunter der ans Herz gehende  „Fellini´s Waltz“ und Fats Wallers´ „Jitterbug Waltz“, präsentierte ein gut gelaunter Enrico Pieranunzi dem Publikum im wiederum bestens gefüllten Sägewerk und verwandelte was auch immer er an diesem Abend so spielte in zeitlose Jazzklänge mit wahnsinnig viel Eleganz.
 
„small is beautiful“ hieß das diesjährige Festivalmotto. Kleine Formationen sollten es sein. Der Klagenfurter Schlagzeuger Klemens Marktl brachte mit dem russischen Bassisten Boris Kozlov und vor allem mit US-Pianist David Kikoski zwei klangvolle Namen des internationalen Jazz mit ins Sägewerk. Wie oft hatte Marktl nicht schon in Sepp Grabmaiers Jazzclub gespielt. An diesem Abend wohl erst einmal zum letzten Mal. Denn mit Tränchen in den Augen verkündete Sepp Grabmaier kurz vor Beginn des zweiten Sets dieses hervorragenden Mainstream Jazz-Konzertes, eine Snow Jazz-Pause. Gesundheitlich angeschlagen muss sich der so umtriebige Jazzmacher in naher Zukunft mehr um sich als um die Kultur in seiner Region kümmern.   
 
Wie schön, dass die das Festival abschließende Matinee mit anschließendem Jazzbrunch im Hotel Miramonte in Bad Gastein wieder einmal bei strahlendem Sonnenschein stattfinden konnte. Zuerst mit einem unterhaltsamen Duokonzert im Saal des interessanten Designhotels, bei dem der Russe Arkady Shilkloper auf Waldhorn und Alphorn sowie der Amerikaner Jon Sass auf der Tuba eindrucksvoll zeigten, dass man auf diesen vermeintlich ein wenig schwerfälligen Blasinstrumenten sowohl fein und gefühlvoll, aber auch funkig und mit viel Groove jazzen kann. Auf der Terrasse beim Büffet war dann nach diesem Perfekten Kehraus Zeit noch einmal die vergangenen Tage Revue passieren zu lassen und auch an vorherige der insgesamt nun schon 18 Ausgaben vom „Snow Jazz Gastein“ zu denken. Natürlich mit der Hoffnung, dass dieses so besondere Festival irgendwann in nicht so ferner Zukunft doch noch weitergehen wird.
 
www.jazz-im-saegewerk.org
 
Text : Christoph  Giese; Fotos: Jazz im Sägewerk

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Jakob Bro Quartet bei „Jazz in Essen“ im Grillo-Theater
 
Jakob Bro – E-Gitarre
Thomas Morgan – Kontrabass
Joey Baron – Schlagzeug
Palle Mikkelborg – Trompete & Flügelhorn
 
Berthold Klostermann, künstlerischer Leiter der Konzertreihe „Jazz in Essen“, gibt in seiner kurzen Ansprache vor dem ersten gehörten Ton dem zahlreichen Publikum im vollbesetzten Grillo-Theater den Tipp, wie man dem Jakob Bro Quartet am besten begegnen sollte: zurücklehnen und sich in die Musik fallenlassen.
 
Da ist genau der richtige Ansatz für die Klänge des dänischen Gitarristen und seinem formidablen Quartett. Denn Jakob Bro ist ein Meister der Kontemplation, der Stille, des Nachhängens von Tönen. Der Däne tritt in Essen als meist sensibler Geschichtenerzähler auf, der dabei ohne einen großen Plot auskommt.
 
Es sind kurze melodische Einfälle in Zeitlupentempo und Pastelltönen, die er seiner elektrischen Gitarre entlockt und die dann von den anderen aufgenommen werden. Von Thomas Morgan und seinem mitunter eigenwilligen Kommentaren am Kontrabass und von den so herrlich frei schwebenden Pulsschlägen von Schlagzeuger Joey Baron.
 
Und dann ist da ja noch der Altmeister an Trompete und Flügelhorn auf der Bühne, der fast 78-jährige Palle Mikkelborg. Der Landsmann von Jakob Bro hat mit ihm das wunderbare Album „Returnings“ im letzten Jahr veröffentlicht und folgt im Grillo-Theater mit viel Gefühl und sanftem, luftigen Ton den Gitarrenlinien mit Miles Davis-haftem Gestus und Sound.
 
Wunderschön das alles. Entspannend. Entrückend. Sphärisch. Man mochte kaum aufwachen aus diesen Klang(t)räumen.
 
CD-Tipp: Jakob Bro „Returnings“ (ECM/Universal)    
 
Text: Christoph Giese, Fotos: Kurt Rade

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